Nummer eins mit Ablaufdatum

13. September 2002, 19:23
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Jeder einzelne Spitzenkandidat könnte schon nächstes Jahr Geschichte sein

Die Läufer haben ihre Startpositionen bezogen, doch der Ausgang des Rennens ist so ungewiss wie kein Wettkampf je zuvor. Und: Jeder einzelne Spitzenkandidat (im Falle der FPÖ sogar zwei) dieser Nationalratswahl könnte schon nächstes Jahr Geschichte sein.

Die absurdeste Außenseiterrolle nimmt wie immer die FPÖ ein. Es ist eigentlich unerheblich, wer als Spitzenkandidat und Haiders Strohmann antritt. Letztes Mal war es Thomas Prinzhorn, diesmal ist es Herbert Haupt. Jener freundliche ältere Herr aus Kärnten zählt zum stramm deutschnationalen Lager der Freiheitlichen, das in der FPÖ gerade Oberhand gewonnen hat. Nach einer schweren Niederlage könnte genau dieser Flügel Jörg Haider stürzen, obwohl der selbst seine Wurzeln dort hat. Es ist sogar denkbar, dass der oberösterreichische Burschenschafter und Haider-Macher von 1986, Norbert Gugerbauer, an die Spitze der FPÖ gelangt.

Ob mit dieser - nach der Wahl wohl deutlich geschrumpften - rechtsnationalen Partei ein Staat zu machen ist, muss die ÖVP für sich noch klären.

Aus heutiger Sicht hat Wolfgang Schüssel eine, wenn auch sehr geringe, Chance, Erster zu werden. Wird er das nicht, sind seine Tage an der Regierungsspitze gezählt. Wahrscheinlichster Vizekanzler in einer möglichen rot-schwarzen Koalition wäre dann der jetzige Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer. Aber auch das ist nicht fix. Weil Schüssel nicht so eitel und machthungrig ist, wie ihm seine Kritiker gerne unterstellen, könnte er sogar dann noch der Regierung angehören. Bleibt der Abstand zur SPÖ groß, werden allerdings jene in der Partei Oberhand gewinnen, die nur dank der ÖVP-Kanzlerschaft stillgehalten haben: Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll etwa und der in der Bedeutungslosigkeit verschwundene ÖAAB.

Eine Koalition unter einem Kanzler Alfred Gusenbauer - die sogar vielen Sozialdemokraten noch vor kurzem als völlig unwahrscheinlich erschien - ist in greifbare Nähe gerückt. Die innerparteilichen Kritiker am Spitzenkandidaten sind daher eiligst ver- stummt, doch sie könnten bald wieder Oberwasser bekommen, wenn die SPÖ den von der Regierung aufgelegten Ball nicht bravourös verwandeln kann. Dann gibt es eine laute Obmanndiskussion, jede Wette. G'standene Gewerkschafter werden dem Parteichef mit den komischen Sprüchen ("solidarische Hochleistungsgesellschaft") die Leviten lesen, und auf seinem Sessel wird wohl jemand anderer Platz nehmen. Wobei außer Michael Häupl (der bisher keine einschlägigen Ambitionen hegte) noch keine Kandidaten in Sicht sind.

Nicht einmal bei den Grünen ist sicher, dass Alexander Van der Bellen weiterhin den Chefkommentator der Politik abgeben kann. Die Umfragewerte der Grünen sind nicht so gut wie das Image bei Medienmenschen und städtischen Opinion-Leaders. In Wirklichkeit wartet eine jüngere, vielleicht sogar bürgerlichere Generation (Parteichef-Stellvertreterin Eva Glawischnig) darauf, das Team abzulösen, das mit Peter Pilz und Karl Öllinger seit Jahren alles auf die rot-grüne Karte setzt. Geht das Spiel nicht auf, könnte der nette Professor bald in Pension geschickt werden.

Vom Katapultstart in den Wahlkampf profitiert derzeit vor allem Schüssel, der sich staatstragend präsentieren kann. Er hat allerdings Erklärungsbedarf bei jenen Wählern, die den Schwarzen den Rodeoritt samt Bauchfleck mit den Blauen nicht verzeihen.

Haider wird einen populistischen Wahlkampf führen, um seine Stammwählergruppe der "Unzufriedenen" zu mobilisieren. Die SPÖ wiederum hat es schwer, den Spagat zwischen oppositionellem Angreifer und Regierungspartei mit Verantwortungsgefühl zu schaffen. Gleichzeitig lässt das rot-schwarze "Gigantenduell" die Grünen nicht richtig Profil gewinnen.

Wer von den jetzigen Akteuren wirklich übrig bleiben wird? Die nächsten Wochen werden es entscheiden. Allzu früh sollte man die FPÖ aber nicht für tot erklären. (DER STANDARD, Printausgabe, 14/15.9.2002)

Martina Salomon
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