Analyse: Viele zufriedene Zuhörer in der Vollversammlung

14. September 2002, 18:58
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Zu den Waffen nichts Neues - Von Gudrun Harrer

Washington/Wien - Die internationale Aufnahme der Rede von US-Präsident George Bush vor der UNO-Vollversammlung ist zweigeteilt: Da sind die einen (etwa die Arabische Liga oder die EU-Kommission), die wider besseres Wissen Bush überinterpretieren und behaupten, er habe sich am Donnerstag zu einer Zusammenarbeit mit dem UNO-Sicherheitsrat verpflichtet. Und da sind die anderen, die den Subtext über den Text stellen: "Die Bedrohung (durch Saddam) ist so groß, sagte er (Bush), dass Mr. Hussein gestürzt werden sollte", so schrieb die New York Times.

Tatsächlich hat das Bush keineswegs gesagt, nur ein Nebensatz - "Ein Regime, das seine Legitimität verloren hat, wird auch seine Macht verlieren" - spielte auf den bekannten US-Wunsch nach einem Regimewechsel an. Genauso wenig hat Bush aber auch die Forderung nach Rückkehr der Waffeninspektoren in den Irak erhoben, wie viele aus der Rede herausgehört haben wollen. Dass es den USA nicht um die Rückkehr der Inspektoren geht - wie hingegen den Europäern und den Arabern -, bestätigte am Freitag US-Außenminister Colin Powell. Die Financial Times titelt am Freitag ihren Kommentar zur Rede "Endlich eine Strategie für den Irak".

So klar ist das nun auch wieder nicht (auch wenn Powell die Aussagen Bushs später etwas präzisierte): Was soll in einer ultimativen UNO-Sicherheitsratsresolution drinstehen, wenn nicht die Forderung nach Wiederaufnahme der Abrüstung? Oder soll die Resolution vielleicht so vage formuliert sein, dass sie auf jeden Fall unerfüllbar ist? Darauf weist hin, dass sich Bush auf Saddams allgemeine Menschenrechtsverletzungen und das unaufgeklärte (vielleicht nicht mehr zu klärende?) Schicksal von im Irak vermissten Menschen konzentrierte, bevor er zu den Rüstungsfragen kam.

So unterschiedlich Bushs Aussagen zur neuen/alten US-Strategie gegenüber Bagdad verstanden wurden, so einig sind sich hingegen Fachleute über das von Bush präsentierte Waffen-Sündenregister des Irak, das schon vor der Rede in einem 20-Seiten-Dossier unter die Journalisten gebracht wurde: nichts Neues. Eine "hochgejubelte Presseaussendung" nennt es in der Washington Post ein Nahostexperte, benotet müsse es mit "D-Minus" (ein schlechter Vierer) werden. Man darf nun wirklich gespannt sein, ob Großbritanniens Tony Blair seinem extra zu einer Sitzung in der Sommerpause einberufenen Parlament mehr an Informationen zu bieten hat. Nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen ihrer Mehrdeutigkeit, war die Rede Bushs jedenfalls ein Kunstwerk: Jeder hörte, was er hören wollte. Ein einhelliges Grinsen bei den iranischen Delegierten erntete Bush übrigens mit der Anklage, dass "Saddam Hussein 1980 Iran überfallen" hat. Er vergaß dazu zu sagen: "unter dem Applaus der USA". (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.9. 2002)

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