"Estenlande neu zu schaffen..."

20. Oktober 2003, 12:35
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Im 19. Jahrhundert erwachte das estnische Nationalbewusstsein. Der Erste Weltkrieg brachte den Esten die Selbstständigkeit. Früher als in Russland selbst wurde in Estland 1816 die Leibeigenschaft aufgehoben.

Die Wiedereröffnung der (deutsch geleiteten) Universität Dorpat (die nach der damaligen Provinzialeinteilung im estnisch-lettischen Livland lag) durch Kaiser Alexander I. und die auf die Volkskultur zurückgreifenden Strömungen der Romantik förderten das Erwachen des estnischen Nationalbewusstseins.

Zwar hatten sich die durch die Schulen in die Bildungsschicht aufgestiegenen Esten zumeist in das Baltendeutschtum, das die obere Gesellschaft bildete, eingefügt, doch ihre Befassung mit der estnischen Sprache, das Sammeln der zuvor wenig beachteten, aber in der Landbevölkerung tradierten, oft uralten Volkslieder und Märchen fand zunächst bei der Intelligenzija und den Studenten großen Widerhall und begann von den Städten aus auch im Landvolk das Bewusstsein für die Werte, die es bewahrt hatte, zu erfassen. Dazu trug insbesondere die Gründung der "Estnischen Gelehrten Gesellschaft" (1838) unter Leitung des Arztes Friedrich Robert Faehlmann bei.

Das Erscheinen der "Kalewala" im stammverwandten Finnland ließ auch die estnischen Volksfreunde nicht ruhen. Zwar existierte bei den Esten nicht mehr die Überlieferung alter mythischer Gesänge (wie in Karelien), doch ließen Spuren in Volksliedern und Sagen deren früheres Vorhandensein vermuten.

Friedrich Reinhold Kreutzwald, der schon als Kind in den Spinnstuben und Scheunen die Erzählungen und Lieder der Landarbeiter in sich eingesogen hatte, fasste diese Überlieferungen in dem Epos "Kalewipoeg" zusammen, das zum estnischen Nationalepos wurde. Er hatte bei der Herausgabe Schwierigkeiten mit der russischen Zensur; während er verschiedene Teile streichen musste, blieb der Schluss, der vom Tod des riesenhaften Helden erzählt, stehen, in dem es heißt: "Aber einmal naht die Zeit sich, / Wo die Späne von zwei Enden / Angezündet loh'n und lodern, / Gleicher Zeit die Flammengluten / Machen frei die Hand des Helden: / Dann kehrt heim der Kalewide / Seinen Kindern Glück zu bringen, / Estenlande neu zu schaffen."

Die Russifizierungswelle des letzten Jahrhundertdrittels blieb auch Estland nicht erspart. Die Verordnung des Russischen als allgemeine Amtssprache und andere Maßnahmen richteten sich allerdings vor allem gegen die Vorrechte der Deutschbalten (die aus Protest ihre Gymnasien schlossen), wenn auch der Unterricht in estnischer Sprache ebenfalls untersagt wurde.

Ebenso wurden die Versuche, das Landvolk zu Massenübertritten in die orthodoxe Kirche zu verleiten, verstärkt, und wenn ein (in aller Regel deutscher) lutherischer Pfarrer einen reuigen Bauern wieder in seine Kirche ließ, wurde er mit Gefängnis bestraft. Russische Beamte überschwemmten das Land, das Vermögen der evangelischen Landeskirche wurde fortan von den Behörden verwaltet.

In der Revolution von 1905 traten die vordem sich in halblegalen Zirkeln herausgebildeten politischen Strömungen hervor. Der radikale Bauernvertreter, Rechtsanwalt und Journalist Konstantin Päts musste in die Schweiz fliehen, sein bürgerlicher Widerpart Jaan Tönisson wurde in die vom Zaren zugelassene Duma gewählt. Zwar wurden nun teilweise die Verbote, etwa das des volkssprachlichen Unterrichts, zurückgenommen. Doch Autonomievorschläge baltischer Abgeordneter in der Duma blieben freilich vergebens.

Estland wurde im Ersten Weltkrieg erst nach dem Sturz des Zaren, zwischen September 1917 und Februar 1918, von deutschen Truppen besetzt. Bereits nach der Februarrevolution in Petrograd, als eine demokratische Republik Russland im Entstehen schien, hatte ein vom Duma-Abgeordneten Jaan Tönisson gebildetes Komitee von der provisorischen Regierung gefordert, die estnischsprachigen Gebiete zusammenzulegen (Südestland mit Tartu/Dorpat war ja noch Teil der Provinz Livland).

Diese Forderung wurde durch eine Demonstration von 40.000 Esten in Petrograd unterstützt, und die Regierung machte daraufhin aus der alten Provinz Estland, dem nördlichen Livland sowie den Inseln Saaremaa/Ösel, Hiiumaa/Dagö und Muhu/Moon eine neue administrative Einheit.

Die Esten wählten in allgemeinen Wahlen einen Landesrat (Maapäev). In ihm wurde über eine weit gehende Autonomie oder ein völliges Ausscheiden aus dem russischen Staat diskutiert. Nach der Oktoberrevolution forderte der Maapäev die Unabhängigkeit, doch wurde er von den kommunistischen Räten auseinander gejagt. Einige Wochen lang herrschten russische und estnische Kommunisten mit Terror über Tallinn/ Reval. Dann rückten die deutschen Truppen gegen die Bolschewiken vor.

Vom Rätedruck befreit und zugleich der neuen Gefahr gewärtig, proklamierte der aus dem Exil zurückgekehrte Bauernführer Konstantin Päts am 24. Februar 1918, unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen in Tallinn, den selbstständigen Freistaat Estland. Die deutsche Okkupation schien diese Erklärung gegenstandslos zu machen. Es war offenbar das Ziel Berlins, Estland und Lettland zu einem von den Baltendeutschen und deutschen Neusiedlern dominierten Protektorat zu machen.

Im Frieden von Brest-Litowsk musste Sowjetrussland auch auf die Staatshoheit über Estland verzichten. Auf Initiative der Ritterschaften von Estland, der Insel Ösel/Saaremaa, Livland und Kurland wählten Landesversammlungen einen Vereinigten Landesrat, der aus 35 Deutschen, 13 Esten und zehn Letten bestand. Dieser bat Kaiser Wilhelm um Schaffung eines baltischen monarchischen Staates unter deutschem Schutz. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 14./15. 9. 2002)

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