Wie Nils Holgersson: Mit Waldrappen gen Süden

15. September 2002, 16:00
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Eine Gruppe der höchst gefährdeten Ibisvögel soll einem Motorhängegleiter wie einem "Leittier" in den Süden folgen

So schließt sich der Kreis: Konrad Lorenz hat die Nachfolgeprägung von Jungvögeln entdeckt. Der Amerikaner William Lishman nutze dieses biologische Phänomen und führte Mitte der Neunzigerjahre eine Gruppe Kanadagänse in den Süden, indem er als "Leittier" in einem Motorhängegleiter vor ihnen herflog. Und nun fliegen Waldrappe mit Unterstützung der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle hinter einem motorisierten Hängegleiter her.

Oder sind ihm zumindest bis vor kurzem im Rahmen des Projekts www.waldrappteam. at hinterhergeflogen: "Jetzt sind unsere Vögel im Alpenzoo in Innsbruck im Winterquartier. Dort werden sie von mir weiter betreut, sie sollen ja die enge Beziehung behalten, damit das gemeinsame Fliegen im Frühjahr wieder funktioniert", berichtet die Biologiestudentin Angelika Reiter.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Klara Tuckova und Isabel Meran hat sie ab Mai dieses Jahres elf Waldrapp-küken aus dem Tiergarten Schönbrunn, dem Cumberland Wildpark Grünau und dem Innsbrucker Alpenzoo per Hand aufgezogen. So lernten die Tiere, Menschen als Leittiere zu akzeptieren.

Flugschule

Untergebracht war die Waldrapp-Kinderschar auf dem Flugplatz Scharnstein, wo sie nicht nur per Tonband an Motorengeräusche gewöhnt wurden, sondern ab Juni auch erste Freiflugversuche unternahmen - und sich auch mit den "Trikes", den Motorhängegleitern, denen sie folgen sollten, vertraut machen konnten.

Engster Kontakt mit ihren "Zieheltern" war die Devise - nicht nur, um die nötige innige Bindung fürs spätere gemeinsame Fliegen herzustellen. Junge Waldrappe müssen viel lernen, um in freier Wildbahn überleben zu können, und wenn die Vogeleltern durch menschliche ersetzt werden, müssen eben die ihren gefiederten Adoptivkindern beibringen, was einem Waldrappmagen gut tut. Und wo Nahrung zu finden ist: Mit ihren langen, sensiblen Schnäbeln stochern die Ibisvögel nach Insekten, Schnecken und anderen Kleintieren.

Das Flugtraining begann im Juli. "Für Mitte August war die Überquerung des Alpenhauptkammes bis zum Wildpark Rosegg in Kärnten geplant, aber nach 50 Kilometern mussten wir umdrehen: Das Wetter war zu schlecht, und Gewitter sind ja nicht nur für die Vögel gefährlich, sondern auch für uns in den Hängegleitern. Wir wollten kein Risiko eingehen."

Im Frühjahr sollen die Waldrappe und ihre "Zieheltern" wieder in die Luft gehen - und das lernen, was für ihre Vorfahren über Jahrtausende ganz selbstverständlich war: den herbstlichen Zug in den Süden. Denn bis Mitte des 17. Jahrhunderts war der Waldrapp in Mitteleuropa heimisch - als Kulturfolger, der seine Nahrung auf Weiden und Äckern suchte, war er aus seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet, dem Mittelmeerraum, hierher gekommen.

Bis ins Mittelalter waren die Ibisvögel weit verbreitet. Sie nisteten gemeinschaftlich in Felswänden, eine große Kolonie befand sich zum Beispiel am Grazer Schlossberg. Sogar über der Stadt Salzburg nisteten sie im Fels, doch um 1650 waren diese faszinierenden Geschöpfe ausgerottet. Der Grund: die intensive Bejagung durch den Menschen.

Waldrappbraten galt als Delikatesse, vor allem die kurz vor dem Ausfliegen rund ein Kilogramm schweren Nestlinge landeten bevorzugt auf den Tafeln des Adels und der kirchlichen Würdenträger. Und auch aus purer Lust am Töten stellte man den mit ihrem kahlen Kopf und dem Federschopf exotisch aussehenden Vögeln nach. In der Stadt Salzburg existierte sogar eine fürsterzbischöfliche Verordnung gegen die Unsitte, die Tiere von den Fenstern der Getreidegasse aus abzuschießen.

Weltweite Jagd

Auch in seiner ursprünglichen Heimat - noch um 1920 war der Waldrapp in Jordanien und auf der Arabischen Halbinsel verbreitet - führte die Jagd zur Ausrottung. Eine letzte funktionierende Kolonie in der Türkei existierte bis 1990, aufgrund von Umweltzerstörung und mangelhaften Schutzmaßnahmen haben aber nur wenige Vögel überlebt. Heute existieren in freier Wildbahn nur noch rund 200 Vögel in Marokko - und auch sie sind durch die touristische Nutzung ihres Lebensraums hoch gefährdet.

Aus Marokko stammen auch die Vorfahren jener Tiere, die nun wieder lernen sollen, als mitteleuropäische Zugvögel zu leben. Und es bleibt zu hoffen, dass ihre Ziehmütter nicht die einzigen Menschen sind, die sie dabei unterstützen. Ebenjetzt macht man in Italien, Frankreich und anderen südlichen Ländern wieder unbarmherzig Jagd auf jene Vögel, die den Herbstzug noch im Blut haben. (Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 9. 2002)

Waldrappteam

Spenden: (steuerlich absetzbar): Raiffeisenbank Grünau- St. Konrad-Scharnstein BLZ 34.127, Konto Nr. 11.163
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