"Schon Versailles war ein Medium"

13. September 2002, 18:58
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Philosophicum Lech: Sechstes Symposium dem Thema "Kanäle der Macht"

Wahlkampf, Regierungskrise und inszenierte Schaukämpfe: Zur Zeit gibt es genügend aktuelle Anlässe, über das komplizierte Verhältnis zwischen Medien, Politik und Macht nachzudenken. Dem Philosophicum in Lech dienen sie als Hintergrundfolie, vor der Grundsätzlicheres betrachtet wird.

Wie schon in den vergangenen Jahren rückten Wissenschafter und Kulturpublizisten auch beim diesjährigen sechsten Symposium dem Thema, "Kanäle der Macht", von vielen Seiten auf den Kern. Davor gab es heuer einen neuen Auftakt: Ein Impulsforum bot Praktikern aus den Bereichen Medien und/ oder Politik Gelegenheit, sich zu deren Beziehung zu äußern - insbesondere zu der Bedeutung der neuen Medien.

Vielfältige Positionen

Die Teilnehmer hatten es allerdings schon schwer genug, mit den traditionellen Info-Kanälen zu Rande zu kommen, so vielfältig waren die Positionen auf dem Podium.

Der skeptisch gewordene Abgeordnete Klaus Kinkel, früherer deutscher Außenminister, bedauert die mediale Vereinfachung aller gesellschaftlichen Themen, die einem Marketing-Genie wie Schröder zupass kommen. Verleger Hubert Burda hielt dem entgegen, dass man sich im Zeitalter des "iconic turn" neuer Vermittlungsformen bedienen müsse - was auch Medienkonzernen zu befolgen hätten, nicht nur Politiker; im übrigen sei Personalisierung nicht Neues: "Schon Versailles war ein Medium."

"Bilder können nicht lügen"

Auch Kunststaatssekretär Franz Morak behauptete, mit dem Mediendesign des politischen Auftritts kein Problem zu haben, "weil man als Politiker dann genauere Bilder liefern muss. Und Bilder können nicht lügen." Und Andreas Rudas - Mann der "Erfahrung mit einem mächtigen Medium, einer zumindest seinerzeit mächtigen Partei und jetzt einem mächtigen Konzern", wie ihn Symposiums- und Forums-Leiter Konrad Paul Liessmann vorstellte - fragte sich angesichts von Politikern und Medien, ob der Hund mit dem Schwanz wedle oder umgekehrt - was auch darauf ankomme, was ein Politiker sich gefallen lasse.

Diesem Bild widersprach der deutsche Kommunikationswissenschafter Norbert Bolz. Die beiden Phänomene spielten sich nicht auf der gleichen Ebene ab, eher sei es so, dass die Medien die Politik neu "formatieren" - und das sei nicht wirklich neu; schon Walter Benjamin sprach davon, dass es wichtiger sei, vor der Kamera zu stehen als vor dem Parlament.

Medien wiederum hätten nur dann Macht, sagte STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner, wenn ihre Macher bereit seien, sie zu missbrauchen. Das geschehe vor allem in Massenmedien. "Andererseits haben auch kleine Medien zumindest Einfluss, und Politiker wissen das, wenn sie gewisse Anliegen in bestimmten Qualitätsmedien unterbringen - das hat einen Trickle-down-Effekt."

Menschen sind zu schwach

Ron Sommer, Ex-Chef der deutschen Telekom, konnte von der Schwierigkeit berichten, "Entscheidungen unabhängig vom Medienecho zu treffen. Die Meisten sind zu schwach dafür." Das Internet, dessen wahre Bedeutung man erst zu ahnen beginne, sei aber ein Fall für so eine langfristige, nicht unmittelbar rentable Entscheidung. Das letzte Wort darüber ist sicherlich nicht gefallen, darüber war sich die Schlussrunde einig.

Auch die darauf folgenden Philosophicum-Beiträge kamen zu keinem Schluss, regten vielmehr zu Debatten an und gaben Gelegenheiten, beim Denken zuzuhören. Wir berichten weiter. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe vom 14./15.9.2002)

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