Wiederentdeckung eines Opernkleinodes

15. September 2002, 16:07
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"La vera costanza" bei den Haydn Festspielen

Eisenstadt - In einer vordergründig übersichtlichen Situation ereignet sich Unübersichtliches - dies freilich vom alten, raffinierten Haydn musikalisch angerichtet, als habe er schon von Mozarts Figaro genossen, so verwegen und so anmutig kommen und gehen die instrumentalen und vokalen Gestalten in seiner Vertonung von Puttinis La vera costanza, einer bald buffonesk, bald tragisch gefärbten Oper von knapp 90 Minuten Kurzweil.

1779 wurde das schmucke, gelegentlich recht drastische Stück im Operntheater von Eszterháza uraufgeführt und nach seiner Wiederaufnahme 1785 in einigen Städten Europas mit Erfolg nachgespielt. Die Beständigkeit, die Standhaftigkeit: ein immer wieder auf den Bühnen ausgeschlachtetes Thema, meist steif und antikisierend breitgewalzt, hier aber befinden sich die einander liebenden, sich verweigernden, intrigierenden, heiratswilligen und zum Teil längst verheirateten Akteure auf dem harten Boden gesellschaftlicher Aktualität.

Im Libretto nach stürmischer Seefahrt an Land gespült, finden sich Rosina und das ränkevolle Personal aus Volk und Adel in einer vornehmen Räumlichkeit wieder, die von einer langen, gedeckten Tafel beherrscht wird (Hermann Feuchter). Sie wird von Regisseur Philipp Himmelmann im Haydnsaal geschickt als Spielplatz, als Ruhezone, als Kulisse genutzt.

Manches im verwirrenden, also unübersichtlichen Für und Gegen der Liebkosenden und Liebtosenden wird auf der Tafel ausgetragen, manches vor dieser Einheitsszene auf einem kleinen Podest. Für die differenzierte Charakterisierung einzelner Szenen sorgen sanfte beleuchtungstechnische Effekte.

Den Haydn Festspielen darf man zu dieser unterhaltsamen Produktion gratulieren. Für die ungemein wichtige Rezeption der Haydn-Opern sollte diese Einstudierung von aufmunternder Bedeutung sein, zumal sich in Eisenstadt ein sängerisch fast durchweg brillantes, in Lust und Leid glaubwürdiges Ensemble zusammengefunden hat.

Miriam Sajonz singt und gibt die Standhafte mit der gebotenen vokalen Unangefochtenheit, weiß die wundersamen Charakterschattierungen der Haydnschen Inventionen auszukosten. Als quirlige Lisetta versprüht und ätzt Anna Maria Pammer die windigeren Töne, während Andrea Szánto der Baronesse Irene die dramatischen, sehr forcierten Klänge und Geräusche leiht.

Mit den Herren kann das Festival ein Quartett aufbieten, das sich auf jeder größeren Bühne bewähren dürfte. Bernard Richter (Conte Errico), Lothar Odinius (Marchese Ernesto), Moritz Gogg (Masino) und Tobias Schabel (Villotto) bekunden Wendigkeit und, wenn nötig, Sentiment in Stimme und Gehabe - kurzum: Sie alle singen musizierend mit der Österreichisch-Ungarischen Haydnphilharmonie, die unter der agilen, jede nur denkbare Nuance auskostenden Leitung von Adam Fischer das eigentlich treibende und zugleich ordnende Element eines Projekts ist, das noch dreimal geboten wird.

(Peter Cossé/DER STANDARD; Printausgabe, 14.09.2002)
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am 15., 17. und 19. September (jeweils 19.30).
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