"Songs sind gute Vehikel"

13. September 2002, 20:17
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STANDARD-Interview mit Peter Gabriel. Nach neunjähriger Pause veröffentlicht der Superstar der 80er-Jahre mit "Up" wieder ein Soloalbum

Peter Gabriel im Interview mit Karl Fluch über TV-Talkshows, Weltmusik - und wie man Club-Sounds verdaut.
Peter Gabriel gilt als einer der Superstars der 80er-Jahre. Schon in der 70ern, mit der Band Genesis, wie auch später als Solokünstler, gelang dem Briten das Kunststück, progressive wie kommerziell erfolgreiche Musik zu produzieren. Dazu verhandelte er in Songs wie Games Without Frontiers oder Biko immer auch politische Themen.

1986 veröffentlichte er sein bislang erfolgreichstes Album, So. Das Video zu dessen Single Sledgehammer schuf neue Maßstäbe in der Videokunst und gilt bis heute als das am öftesten ausgestrahlte Musikvideo. In den 90ern widmete Gabriel sich hauptsächlich dem von ihm gegründeten Weltmusiklabel Real World und produzierte Soundtracks wie den zu Martin Scorseses The Last Temptation of Christ. Nächste Woche erscheint nun Up, das erste Album des 52-Jährigen nach neun Jahren.

STANDARD: The Barry Williams Show behandelt die Talk-Trash-Kultur im Fernsehen. Wenn Sie eine Sendung gestalten könnten, wie würde das Ergebnis ausfallen?

Gabriel: Gute Frage. Etwas, worüber die Leute lachen können.

STANDARD: Das tun sie bei Jerry Springer auch.
Gabriel: Das stimmt, aber es geht um die Qualität von Humor. Dieses audiovisuelle Junkfood, wie ich solche Sendungen nenne, funktioniert nach menschenverachtenden Regeln, ohne Lösungen anzubieten. Ich würde Wissenschaften mit einbeziehen, Kunst. In der Verbindung positiver Elemente könnte etwas entstehen, dem das Fernsehen heute kaum noch entspricht.

STANDARD: Sie gelten als engagierter Künstler. Fällt es Ihnen schwer, heute noch Messages zu formulieren?

Gabriel: Es wird schwerer, ja, denn man kommt drauf, dass es für manche Anliegen besser wäre, ein Buch als einen Song zu schreiben. Ich versuche die Hörer heute lieber emotionell zu erreichen als mit einem konkreten Aufruf. Ein Song ist ein gutes Vehikel, um in wenigen Minuten große Leidenschaft zu formulieren. Das dürfte der Grund sein, warum es so wenige gesungene politische Manifeste gibt.

STANDARD: In der letzten Dekade haben sich die Möglichkeiten, Musik zu produzieren, vervielfacht. War es schwierig, Ihren eigenen Stil zu finden beziehungsweise beizubehalten?

Gabriel: Es ist fantastisch, welche Möglichkeiten es heute gibt. Aber diese sind nicht automatisch besser. Man muss die auswählen, die einem ermöglichen, sich mitzuteilen, und jene meiden, die einem Grenzen auferlegen. Mir ist es wichtig, eigenständig zu klingen. Ich glaube, das Album erfüllt diese Anforderung, und Chad Blake, der Produzent, hat gut gearbeitet.

STANDARD: Sie arbeiten gerne konzeptuell. Gab es für Up einen Handlungsfaden?

Gabriel: Es gab ein paar Ansatzpunkte wie den schwarzen Humor in The Barry Wil- liams Show. Ansonsten nähere ich mich vielen Songs über Farben, denen ich Klänge zuordne. Das ergibt Stimmungen, und das beantwortet vielleicht die vorher gestellte Frage nach der persönlichen Handschrift ein wenig, weil es da natürlich zu Übereinstimmungen zu früheren Arbeiten gekommen ist. Wenn auch unter anderen Bedingungen. Dafür ist das Real-World-Studio verantwortlich. Die vielen verschiedenen Künstler, die mir da begegnen, hinterlassen Spuren in meinem "Inspirations-Pool", wie ich ihn nenne.

STANDARD: Sie verwenden Sounds aus dem Club-Kontext. Fühlen Sie sich dieser Szene verpflichtet?

Gabriel: Für mich ist das alles nur Spielerei. Wenn jemand daran arbeitet, Beats noch besser klingen zu lassen, ist das super! Als alten Schlagzeuger freut mich das. Aber was ich damit mache, bleibt mir überlassen. Es ist Arbeitsmaterial. Die Verwendungsart ist wichtig. Ich habe das einmal auf diese Art beschrieben: Es gibt einen Unterschied zwischen Erbrechen und Ausscheiden. Wenn man etwas schluckt und gleich wieder von sich gibt, ist es etwas anderes, als wenn es zuerst durch das gesamte System kriecht, verdaut und dann erst entsorgt wird. Das Ergebnis kann immer noch Mist sein, aber es hatte wenigstens eine Chance. Der Prozess ist entscheidend, und die Weisheit daraus erstaunlich: "You can only make gold out of shit!"

STANDARD: In einigen neuen Songs taucht das Thema Tod auf. Warum?

Gabriel: Das hat persönliche Gründe ebenso wie die Haltung unserer Gesellschaft zu dem Thema. Uns wird immer nur ewige Jugend und ewige Schönheit gepredigt, und alle orientieren sich an diesen Idealen, während andere Kulturen mit dem Altern und dem Tod viel reifer und würdevoller umgehen.

STANDARD: Was bedeutet Ihnen Ihr Real-World-Label?

Gabriel: Ich bin sehr stolz darauf. Früher trug Weltmusik alle Merkmale eines Gettos. Heute, nach über hundert Veröffentlichungen, besitzt fast jeder Plattenladen ein Weltmusikfach mit den Blind Boys of Alabama und Nusrat Fateh Ali Khan. Daran ist Real World nicht ganz unbeteiligt. Ich versuche, unentdeckte, originäre Musik zugänglich zu machen. Das ist eine befriedigendere Arbeit, als zu versuchen, ein Popstar zu bleiben.

(DER STANDARD; Printausgabe, 14.09.2002)
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