Das MAK funkt S.O.S

13. September 2002, 19:45
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Kulturelles Gedächtnis bekommt Lücken

.: Mit dem Budget sei das Sammeln nicht zu finanzieren, damit das Museum als "kulturelles Gedächtnis" infrage gestellt, behauptet Direktor Peter Noever - und präsentiert den Sollzustand

Markus Mittringer

Wien - Paragraf 1 der Gründungsstatuten des heutigen MAK: "Das k. k. Oesterreichische Museum für Kunst und Industrie hat die Aufgabe, durch Herbeischaffung der Hilfsmittel, welche Kunst und Wissenschaft den Kunstgewerben bieten, und durch Ermöglichung der leichteren Benützung derselben die kunstgewerbliche Thätigkeit zu fördern, und vorzugsweise zur Hebung des Geschmacks in dieser Richtung beizutragen." Genehmigt wurden die Statuten "mit dem Allerhöchsten Handschreiben Sr. k. u. k. Apostol. Majestät des Kaisers." Aus der Verbindung von Kunst und Industrie versprach man sich Wettbewerbsvorteile.

Dem Museum wurde eine aktive Rolle im Tagesgeschehen zugedacht, der Präsenz der Sammlungsgegenstände unmittelbarer Einfluss auf das Leben. Das Sammeln wurde als Akt erkannt, die Zukunft zu gestalten. Die Sammlungen waren immer lebendige Gebilde, zugleich Spiegelbilder des jeweiligen Ist- wie des erträumten Sollzustandes einer Gesellschaft.

Mit einem weniger allerhöchsten, aber dennoch einschneidenden Erlass wurde mit 1. Jänner 2000 unter anderem auch das MAK in eine wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts übergeführt. Eine Teilabnabelung mit Folgen. Denn für das MAK bedeutet die Entlassung in die Selbstständigkeit im Wesentlichen eines: Geldnöte. Am freien Markt der quotenträchtigen Reiseausstellungen will Direktor Peter Noever nicht einkaufen, für Projekte jenseits des Picasso-Schiele-Nolde-Horizontes seien Sponsoren kaum zu finden. Das Sammeln sei neben der Ausstellungstätigkeit überhaupt nicht mehr zu finanzieren: Also funkt der Dampfer S.O.S.

Der Hilferuf gilt allen. Und ist eindringlich. Ins Zentrum einer Präsentation von Highlights aus den traditionellen Sammlungen haben Peter Noever und seine Kuratoren 50 Wunschobjekte gestellt. Ist- und Sollzustand der Sammlung sind zugleich präsent. Womit eindrucksvoll ausgebreitet wird, wie eine zeitgemäße Sammlungspraxis Altes mit Neuem, Kunst mit Handwerk kombinieren und derart ebenso identitätsstiftende Momente wie provokante Thesen schaffen kann.

Der Parcours markiert Querverbindungen zwischen verschiedensten Kulturen, unterstreicht erst im Nebeneinander deutliche Verwandtschaften und Differenzen zwischen Objekten beziehungsweise deren gründenden Ideen. Die Wunschobjekte - von Modellen und Skizzen zu Günter Domenigs "Steinhaus" zu Zaha Hadids Sitzmöbeln, von einer Werkauswahl des subversiven Modekünstlers Carol Christian Poell zu einer Arbeit Jason Rhodes' - beleben die Sammlung nur vorübergehend als Leihgaben.

Mit Carl Otto Czeschkas und Josef Hoffmanns Entwurf für einen Paravent für das Jagdhaus von Karl Wittgenstein ist zumindest ein Wunsch in Erfüllung gegangen: Das Dorotheum hat das schöne Stück gestiftet.

Sammlungen leben dadurch, dass jedes weitere Objekt alle anderen verändert, infrage stellt. Museen sind dynamische Geschichtsbücher, stellen sie ihre ursprüngliche Arbeit, das Sammeln ein, verkommen sie zu monströsen Stätten sentimentalen Gedenkens.

(DER STANDARD, Printausgabe, 14.09.2002)
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