Alles ist möglich

13. September 2002, 17:42
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Der Ausgang der Wahl ist so offen wie noch nie zuvor

Berlin - 90 Tage vor der Wahl verkündete Michael Spreng, der Wahlkampfberater von Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber: "Wir können den Sieg schon riechen." Neun Tage vor der Wahl will er diese Prognose so nicht mehr wiederholen. Die Hochwasserkatastrophe und der Irak-Krieg waren jene Themen, die in den bisher träge vor sich hin dümpelnden Wahlkampf Bewegung brachten.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte damit endlich Themen gefunden, mit denen er im Wahlkampf punkten konnte. Früher als andere erkannte er, dass die Frage, ob es zu einem neuerlichen Irak- Krieg kommt, die Menschen umtreibt. In der Hochwasserkatastrophe reagierte er rasch und gewann so Sympathien und möglicherweise wahlentscheidende Stimmen in Ostdeutschland.

Die SPD konnte so mit Schröder zu einer beispiellosen Aufholjagd ansetzen und beginnen, das von Meinungsforscher Manfred Güllner konstatierte Paradoxon, dass die SPD keine Mehrheit habe, aber die Mehrheit Kanzler Schröder wolle, aufzulösen.

Die Union, die sich seit der Nominierung von Stoiber zum Kanzlerkandidaten bemerkenswert geschlossen zeigte, verfiel wieder in Kakophonie. Stoiber revidierte seine Positionen zur Irak-Frage mehrfach. Außerdem konnte er im zweiten TV-Duell nicht mehr punkten. Anders als die SPD hatte die Union ihr Wählerreservoir schon ausgeschöpft. Die FDP musste wiederum erkennen, dass in Zeiten wie diesen ihr Spaßwahlkampf an Grenzen stößt, während die Grünen wegen der Flut mit ihren Umweltthemen wieder stärker Gehör fanden.

Nachdem die Wahlumfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen an der Spitze zeigen, rückt wieder die Koalitionsfrage in den Mittelpunkt. Denn wer vorne liegt, entscheidet noch nicht allein über die künftige Regierung. Entscheidend ist, ob die PDS den Einzug in den Bundestag schafft. Gelingt ihr dies nicht, könnte es für Schwarz-Gelb reichen, wenn die FDP vor den Grünen liegt. Umgekehrt könnte die FDP auch mit der SPD zusammengehen, sollte diese am Wahlabend vorne liegen. Auch Rot- Grün scheint möglich, sollten der Aufwärtstrend für die Regierungsparteien anhalten.

Schafft die PDS den Sprung über die Fünfprozenthürde oder die drei Direktmandate, könnte sich die Konstellation ergeben, dass es weder für Rot- Grün noch für Schwarz-Gelb oder Rot-Gelb reicht. Dann bliebe nur eine große Koalition. "Alles ist möglich, so offen war es noch nie", so das Fazit von Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. 9. 2002)

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