Sozialminister Haupt im STANDARD-Interview

14. September 2002, 15:33
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"Haider überrollt mit Gedanken viele Wähler" - FP strebt Fortsetzung der blau-schwarzen Koalition an - Spitzenkandidat will Sozialminister bleiben

Sozialminister Herbert Haupt will als Spitzenkandidat der FPÖ Jörg Haiders fortschrittliche Gedanken übersetzen, die Lehren aus dem Streit ziehen und die Freiheitlichen wieder in eine schwarz-blaue Regierung führen. Mit Haupt sprach Eva Linsinger.

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STANDARD: Warum tun Sie sich die Spitzenkandidatur an?

Haupt: Weil ich seit Jahrzehnten in der FPÖ sehr kreativ mitgestaltet habe. Ich habe mich in einer langen und hitzigen Diskussion im Bundesvorstand bereit erklärt. Und zwar, als signalisiert wurde, dass Herbert Scheibner in der Partei weiter mitarbeiten wird und Jörg Haider die Parteiführung übernimmt. Da wollte ich mich der Aufgabe, die Partei in eine positive Zukunft zu führen, nicht entziehen.

STANDARD: Ist für die FPÖ etwas zu gewinnen nach dem Streit?

Haupt: Ich bin nicht vor Fehlern gefeit, aber das Gesamtwerk, das ich abgeliefert habe, lässt sich durchaus sehen. Und ich glaube, dass Österreich eine FPÖ braucht, die verhindert, dass die Republik wieder zwischen Schwarz und Rot aufgeteilt wird.

STANDARD: Ihr Wahlziel ist also Regierungsbeteiligung?

Haupt: Mein Ziel ist, dass die Freiheitlichen über 20 Prozent kommen und damit als ernst zu nehmender Partner für Regierungsverhandlungen mit einem ausreichenden Wählerauftrag da stehen.

STANDARD: Koalitionspartner wäre wieder die ÖVP?

Haupt: Koalitionspartner wäre die ÖVP. Die SPÖ hat die Türe zugeschlagen für Rot-Blau. Das ist keine Katastrophe, denn so haben die Wähler eine klare Entscheidung: Rot-Grün, Rot-Schwarz oder Schwarz- Blau. Zwischen diesen Modellen wird die Plattform für ein freiheitliches Österreich ein akzeptables Angebot sein.

STANDARD: Hat die FPÖ nicht bewiesen, dass sie eben nicht regierungsfähig ist?

Haupt: Die FPÖ hat mit ihren Streitereien bewiesen, dass das, was vor Jahren gesagt wurde, stimmt: dass uns nicht politische Gegner schaden können, sondern nur wir selbst. Aber ich habe im Parteivorstand positiv bemerkt, dass viele, die heute noch streiten, anfangen nachzudenken, und in ihrem Herzen so überzeugte Freiheitliche sind, dass sie sich in Zukunft wieder hinter die FPÖ stellen.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die Rolle Jörg Haiders?

Haupt: Jörg Haider hat unbestreitbare Verdienste um die FPÖ. Aber es ist auch unübersehbar, dass er mit seinen Gedanken sehr viele der eigenen Funktionäre und viele Wähler so klar überrollt, dass manche Mühe haben, ihm in seinen Gedanken zu folgen. Ich werde mich bemühen, als Übersetzer zwischen den fortschrittlichen Ideen unseres Parteiobmannes und der jetzigen Situation, die der Staatsbürger vorfindet, aufzutreten. Und ich werde Garant sein, dass Kontinuität angesagt ist.

STANDARD: War Haiders Vordenkerrolle der Grund für den Rücktritt der Vizekanzlerin?

Haupt: Nein. Das war eine tiefe persönliche Enttäuschung, die ich zu akzeptieren habe. Denn jeder Mensch kann in der Politik nur arbeiten, wenn er rückhaltlose Unterstützung sieht. Und es war sicher hier in letzter Zeit bei uns einiges nicht in Ordnung, das möchte ich gar nicht bagatellisieren. Ich hoffe aber, dass alle, die in der FPÖ weiterarbeiten, ihre Lehre daraus gezogen haben. Und ihre eigene Person in Zukunft deutlich hinter das Gesamtprodukt zurückstellen.

STANDARD: Sie haben als Sozialminister viele umstrittene Sparmaßnahmen gesetzt. Wie wollen Sie im Wahlkampf für den kleinen Mann eintreten?

Haupt: Meine Bemühungen, für den kleinen Mann können sich durchaus sehen lassen. Auch wenn sehr viele dieser Maßnahmen umstritten waren, ist schlussendlich beim Abrechnen der eine oder andere draufgekommen, dass ich es gut mit ihm meine. Die Abfertigung neu, das Kindergeld und vieles mehr ist gelungen, die Neuordnung der Sozialversicherung in ihren Auswirkungen noch nicht absehbar. Mir ist ein Anliegen, das Eingeleitete fortzuführen.

STANDARD: Sie wollen Sozialminister werden, nicht Vizekanzler?

Haupt: Mein Platz sollte, wenn es möglich ist, wieder im Sozialministerium sein, weil ich gute Arbeit abgeliefert habe.

STANDARD: Sie sprechen immer offen über Ihren Gesundheitszustand. Sind Sie fit für den Wahlkampf und eine weitere Legislaturperiode?

Haupt: Ich fühle mich derzeit so fit, dass ich die Herausforderung angenommen habe. Anfang 2000 habe ich die Berufung ins Sozialministerium abgelehnt. Ich habe sie aus Verantwortung erst angenommen, als ich aufgrund meiner medizinischen Befunde sicher sein konnte, dass alles nach medizinischen Gesichtspunkten in Ordnung ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 14/15.9.2002)

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    Mahlzeit! Haupt und Haider am Höhepunkt des BSE-Skandals bei einer Pressekonferenz in Klagenfurt

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