Suchtforschung vernachlässigt Frauen

13. September 2002, 13:26
posten

Weniger Zahlen, mehr Spekulationen über die spezifischen Probleme von Frauen

Ludwigshafen - Süchtige Frauen werden nach Ansicht der Psychologie-Professorin Klaudia Winkler in der Forschung stark vernachlässigt. Da Männer zwei Drittel der Alkoholabhängigen und Drogensüchtigen stellten, kämen Frauen bei Untersuchungen dieser Problematik nur am Rande vor, sagte die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie zu Beginn der 2. Fachtagung der Gesellschaft am Freitag in Ludwigshafen. Nur bei der Medikamentenabhängigkeit, die in Studien wenig beachtet werde, sei das Geschlechterverhältnis umgekehrt.

Weniger Toleranz für weibliche Süchtige

Zur Sucht von Frauen gebe es deshalb "eine ganze Menge ungeklärter Fragen", sagte Winkler. So könne man bisher nur spekulieren, warum abhängige Frauen Hilfeeinrichtungen deutlich seltener aufsuchten als Männer. Sie hätten anscheinend größere Schwierigkeiten, sich zu outen, weil beispielsweise schwerer Alkoholismus bei Frauen von der Gesellschaft viel negativer bewertet werde als bei Männern.

Angst um das Sorgerecht der Kinder

Da Frauen zudem häufig für die Versorgung der Kinder zuständig seien, könnten sie nicht ohne weiteres für längere Zeit eine Suchthilfeeinrichtung aufsuchen. "Sie haben Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, wenn sie sich stationär in Behandlung begeben", sagte Winkler. Das Problem verschärfe sich, wenn eine alkoholabhängige Frau allein erziehend sei oder einen ebenfalls abhängigen Freund habe.

Neben einer verstärkten Frauensucht-Forschung sei deshalb auch ein Ausbau der Hilfsangebote für weibliche Süchtige nötig, sagte Winkler. Die spezifische Behandlung von Frauen müsse Standard werden und dürfe nicht dem Gutdünken der Kliniken überlassen bleiben, forderte Winkler. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.