Aus dem Lot geraten

13. September 2002, 11:23
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Im Kampf gegen Bedrohungen unserer Werte drohen diese selbst verletzt zu werden, warnt eine Verteidigerin der Pressefreiheit. Ein Kommentar der anderen von Rubina Möhring

Meine lebenslange Beziehung zu New York begann Ende der 60er-Jahre: Meine Eltern, mein Bruder und ich reisten in die "Stadt, die niemals schläft". Aufgeregt sahen wir am Broadway "Hair", das Musical über Freiheit, Harmonie und Sehnsucht nach Frieden, all dies vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges. Für uns Teenager eindrucksvolles Signal zum Aufbruch. Die Erwachsenen hatten ihr Aufbruchserlebnis vor den neu erbauten Twin-Towers des World Trade Centers - Symbol einer freien Finanzwelt. Zwei Zugänge zum Thema Freiheit an einem Ort - New York.

Am 11. September 2001 fiel dieser amerikanische Traum beider Freiheiten in sich zusammen. Aber nicht allein die Attentäter brachten die gewohnte Werteskala aus dem Lot - es war auch die westlich-industrialisierte Gesellschaft. Ohne zu zögern, schränkte sie im Namen von Freiheit und Sicherheit die Freiheit selbst ein. Vor allem die Meinungs-und Pressefreiheit.

Medienharmonie

Nun, ein Jahr danach, wurden am Ground Zero in einer berührenden Zeremonie die Namen der Opfer verlesen. Präsident Bush und Gattin hielten in Washington während der Schweigeminute einander die Hände. Bush versichert den anwesenden Militärs größtes Vertrauen. Die elektronischen Medien sind weltweit live dabei.

Seit Wochen schon wird enthusiastisch über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen berichtet, über den geplanten Präventivschlag gegen den "Schurkenstaat" Irak. Die Gesetze der Medienöffentlichkeit scheinen auf den Kopf gestellt: Hieß es früher "only bad news are news", so lautet die Devise jetzt offenbar "only good news are news". Ausgeblendet werden die Schattenseiten des Sicherheitsdenkens. Etwa dass weltweit Mediengesetze erlassen wurden, um im Dienste der Terrorbekämpfung recherchierende Journalisten abzuhören, ihnen den Zugang zu Dokumenten zu erschweren und sie mit drakonischen Strafandrohungen einzuschüchtern.

Worüber schreibt also der ordentliche Journalist? Seiten- und Sendeplatz-füllend, sind in diesen Tagen die großen und die kleinen Helden des 11. September. Kaum berichtet wird dagegen über die ungezählten illegalen Einwanderer und Schwarzarbeiter, die in den Trümmern des WTC ihr Leben verloren.

Denn was wäre große Politik ohne Medien, ohne die Bereitschaft dieser Zunft, am Kuchen des Erfolgs mitzunaschen. Jene, die ausscherten, wurden zwar nicht des Landes, aber zumindest der Redaktionen verwiesen. Sogar Starmoderator Jay Leno bekam Schwierigkeiten, als er sich flapsig über den Afghanistan-Feldzug äußerte.

Terror erzeugt oft Gegenterror und verstärkte Schutzmaßnahmen - auch wenn es hierbei nicht selten die Falschen trifft. Seit 9/11 sind Presse- und Meinungsfreiheit im Visier der Staatsorgane. Politische "Trittbrettfahrer" zögerten nicht, aufzuspringen und zu verbieten, was ihnen längst ein Dorn im Auge war. So kappte China aus "Sicherheitsgründen" der Bevölkerung den Zugang zur Internet-suchmaschine "Google".

Selbst einst kritische Journalisten verteidigen inzwischen auch die geplante Aktion gegen den Irak. Immerhin, so meinte kürzlich ein angesehener Kollege, hätten die USA Freiheit und Demokratie nach Afghanistan gebracht. Ähnliches dürfte auch für den Irak gelten. Doch welche Freiheit, fragte ich ihn, sei damit gemeint: die des afghanischen Präsidenten Karsai, der von US-Sicherheitseinheiten beschützt wird? Die Freiheit der Warlords? Wo sind die Journalisten in Afghanistan, die ohne Pressionen über die ersten Gehversuche des neuen Staates informieren können?

Und noch eine Dimension hat 9/11 für diesen Berufsstand gebracht. Journalisten werden zu militärischen Zielscheiben, Berichterstatter zu politischen Geiseln. Etliche Journalisten verloren ihr Leben in Afghanistan.

Die Twin-Towers sind zerstört. "Hair" behielt seinen Platz auf den Spielplänen. Die Botschaft "Sympathy and trust abounding, golden living dreams of visions, . . . and the mind's true liberation - Aquarius, Aquarius!" ist auch für die heutigen Kids ein Renner. Und die Hippiemode erlebt derzeit selbst in der Haute Couture weltweit ihr Revival. Irgendetwas scheint da nicht zu stimmen - in unserer neuen Welt nach nine/eleven. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2002)

Rubina Möhring ist geschäftsführende Präsidentin von "Reporter ohne Grenzen"/ Österreich.

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