Feierstimmung bei 131. Donnerstags-Demo

13. September 2002, 09:48
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"Tschüssl": Sektkorken und viele fröhliche Gesichter angesichts der Neuwahlen - "Es gibt selten einen politischen Anlass zu feiern"

Wien - "Prost!" - "Willst auch an Becher Sekt?", fragte der Freude strahlende Donnerstagsdemonstrant die neu angekommene Gesinnungsgenossin. Weiter hinten knallte unterdessen der nächste Korken: Gestern war wieder Donnerstags-Demo, die 131. schon. Beim Treffpunkt am Heldenplatz wurde aber sofort deutlich: Nichts ist so wie sonst, die Regierung von ÖVP und FPÖ - und damit der Gegner - war abhanden gekommen, auch wenn sie nominell noch im Amt ist.

Am kürzesten drückte es ein Taferl aus, das einer der Demonstranten mit sich führte: "Tschüssl" war zu lesen. Und das musste gefeiert werden. Manche delektierten sich statt am Schaum- an Rotwein und forderten später den Sozialismus. Einer der Demonstranten begründete die fröhliche Stimmung: "Es gibt selten einen politischen Anlass zum Feiern."

Neben Feiern war aber auch Diskutieren angesagt: Die neue politische Situation, aber auch die Reaktion der Protestbewegung und der eigene Beitrag zum Ende der Koalition waren Themen. Eine Demonstrantin schlug beispielsweise vor, in offenen Foren die Anliegen des Protests zu artikulieren und die Parteien nach ihren Antworten auf diese Forderungen zu bewerten. Kurt Wendt, Sprecher des Aktionskomitees "Gegen Schwarz-Blau", kündigte jedenfalls an, die Donnerstagsdemos bis zu den Wahlen fortsetzen zu wollen.

Um das Thema dieser noch kommenden Protestmärsche machte sich der "Trommler" Sorgen, der einer der eifrigsten Manifestanten in den vergangenen rund zweieinhalb Jahren war und mit so manchem Polizisten seine - mittlerweile gerichtsanhängige - Privatfehde hegt: "Ich muss weinen: Uns kommen die Gegner abhanden." Sein schmunzelndes Gesicht machte die Aussage nicht unbedingt glaubwürdiger.

Unter den Sekttrinkern fand sich auch ein - lachender - KPÖ-Chef Walter Baier. Obwohl die Gruppierung ihren Richtung weisenden Parteitag auf diesen Herbst vorverlegt hat, kommt die Wahl nicht ungelegen, sagte er: "Alles was mit Politik und Aktion zu tun hat, ist gut."

Waren Schampus und Rebensaft neu für die Demos, so gab es auch Konstante: Zum Beispiel versuchten Vertreter diverser Gruppierungen wie immer ihre Publikationen an die Demonstranten loszuwerden: "Zur Feier des Tages an Ast (ArbeitnehmerInnenstandpunkt, Anm.)? Oida, lies amoi wos G'scheit's!"

Eine weitere Konstante war, dem Kanzler zu zeigen, was man von ihm hielt. Vor dem Bundeskanzleramt stand ein einsamer Manifestant und stemmte sein Transparent dem Wind entgegen. "Gestern für Abfangjäger sofort, heute für Aufschub: Falsch, machtgeil, verlogen - einfach Schüssel!" stand darauf.

Wolfgang Schüssel war überhaupt eines der Hauptziele: Unter Anspielung auf die Accessoires um den Hals des Kanzlers und ihren Wandel war auf einem weiteren Taferl zu lesen: "Das Mascherl drehte sich im Wind, noch biegsamer Krawatten sind!"

Einigen war etwas später schon zu frisch am Heldenplatz - sie drängten auf den Aufbruch zur ÖVP-Zentrale. Doch Kurt Wendt, der auf vielen der Demos dabei war und vor allem am Beginn als Sprecher des Widerstands fungierte, meinte: "Lass' uns no' a bisserl da bleiben, heut' is' so schön."

Schließlich setzte sich der Demo-Zug - gegenüber den vorangegangenen Protestmärschen waren wesentlich mehr Teilnehmer gekommen - zu den Klängen der "Internationalen" und Sprechchören wie "Haider, verpiss' dich" doch in Richtung ÖVP-Zentrale in Bewegung. Dort drückten sie mit den obligaten Trillerpfeifen und Schlüsseln ihr Missfallen aus. Schließlich ging es weiter zur FPÖ-Zentrale und zurück zum Ballhausplatz, wo in der kommenden Woche die Neuwahlen offiziell gefeiert werden sollen.(APA)

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    Die traditionelle Donnerstagsdemo in Wien gegen die schwarz-blaue Bundesregierung wurde zu einer Freudenkundgebung.

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