"Das Ende des Maskenballs"

12. September 2002, 19:33
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"Haider ermüdet", titelt die konservative Berliner Zeitung

Man muss es ja nicht gleich übertreiben, aber irgendwie gebührt diesem Mann auch Dank. Jörg Haider hat Klarheit geschaffen. Er hat die Legende vom "rechtsliberalen", "libertären" oder sonst irgendwie postmodernen "Phänomen" des Rechtspopulismus demaskiert. Zwei Jahre nach der Regierungsbildung von Wien, nach den zwiespältigen Sanktionen der 14 EU-Staaten schließt sich nun der Kreis: Der Wiener Maskenball ist zu Ende, das Original kehrt unverhohlen zurück.

Seit dem Wochenendmassaker in der so genannten "Freiheitlichen" Partei Österreichs, bei dem die Vorsitzende und Vizekanzlerin der Republik, der Finanzminister und der Fraktionsvorsitzende auf der Strecke blieben - tags darauf folgte ein weiterer FPÖ-Minister -, präsentiert sich die größte regierende Rechtsaußenpartei Europas als das, was sie von Anfang an war: als nationalistische, rechtspopulistischfundamentalistische Führerbewegung mit unübersehbar extremistischen wie sektiererischen Elementen.

Die kuriose "Delegiertenversammlung" vom Wochenende - kein Parteitag - war ein Paradebeispiel für Demokratie, wie Haider sie versteht. Ein von seinen Leuten eilig zusammengetrommeltes und von seinen Einpeitschern aufgeheiztes informelles Gremium veranstaltete ein Scherbengericht über die gewählte Parteiführung, die bei ihm, dem inoffiziellen Führer, in Ungnade gefallen war.

"Haider ermüdet", titelt die konservative Berliner Zeitung

Mancher Regierungschef in Europa wird klammheimliche Freude empfinden: Die schwarz-blaue Koalition in Wien, das von Beginn an inkriminierte Regierungsbündnis zwischen den rechtspopu- listischen Freiheitlichen von der FPÖ und den Konservativen von der ÖVP hat nicht einmal eine Legislaturperiode gehalten. (. . .) Längst aber hatte Europa seinen Frieden gemacht mit der "Wende in Wien". Vor allem, nachdem der so charismatische wie problematische Jörg Haider (. . .) abtrat und sich nach Kärnten zurückzog. (. . .)

So wie er ging, kommt er auch wieder, allen demonstrierend, dass nur er die rechtspopulistische Partei FPÖ zu repräsentieren in der Lage ist. (. . .) Den eigenen Machtanspruch hat Haider mit dem Koalitionsbruch eindrucksvoll untermauert. Doch diese Machtdemonstration ist zugleich auch Ausdruck von Ohnmacht. Denn die FPÖ und auch Haider dürften die eigentlichen Verlierer des provozierten Koalitionsbruchs sein.

(DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2002)

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