Das Staatstheater als Double eines Theaters der Grausamkeit

12. September 2002, 18:46
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Der Versuch eines Antonin-Artaud-Abends im Kasino

Wien - Am 7. 6. 1946 fand im Pariser Théâtre Sarah Bernhardt eine "Séance" betitelte Hommage an Antonin Artaud statt. Diesem, der eben eine größere Serie von Elektroschocks in der Psychiatrie hinter sich hatte, wurde der Zutritt zur Hommage verweigert. Artaud ging einstweilen vor dem Theater auf und ab.

Man hätte es ihm, simultan zur szenischen Lesung im Kasino am Schwarzenbergplatz am Mittwoch, freiwillig gleichtun sollen. Der Gedanke Hans-Peter Litschers, der den Abend konzipierte, war, die Hommage von 1946 mit ihrem prominenten Personal - u. a. André Breton und Jean-Louis Barrault - nachzustellen. Dazu wurden ins Kasino neun Stühle gestellt, die mit Burgschauspielern inklusive deren Direktor besetzt wurden. Diese lasen jetzt die Programmfolge von damals. Das hätte die Wiener Gruppe vor fünfzig Jahren gekonnt, heute und hier aber staubte Historismus. Zumal Klaus Bachler in der Rolle des Conférenciers fehlbesetzt war: zu bieder.

Andere wieder waren nicht sehr perfekt vorbereitet, ist ja auch bloß eine Lesung. Ausnahmen: Gut bewegten sich am Beginn noch Ignaz Kirchner mit Hut und Kirsten Dene ohne solchen durch die Texte. Aber wenn Schauspieler nicht spielen dürfen, ist jede winzige Ungenauigkeit bemerkbar, auch Nachlässigkeit. Ergebnis: Langeweile.

Gut aber das letzte Drittel des Abends, als sie alle endlich spielen durften, in Artauds tragikomischem Alfred-Jarry-Theater. Leben brach plötzlich aus, nicht nur der Windmaschinen und Donnerbleche am Rande wegen. Ja: Die Idee dieses "Artaud Ratorio" hätte etwas für sich gehabt, und auch, dass sich die Burg an diesem Gegentheater Artauds beteiligt, versuchsweise. (rire / DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2002)

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