Nulloption Haider

12. September 2002, 18:27
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Haupts Nominierung zum Spitzenkanditat hielten so manche für einen Scherz - Ein Kommentar von Michael Völker

Als aus der Sitzung des FPÖ-Vorstands die ersten Gerüchte nach draußen drangen, Herbert Haupt würde als Spitzenkandidat nominiert, hielten das viele Beobachter für einen Scherz. Die Absicht hinter seiner Nominierung scheint aber klar zu sein: Trotz des Desasters der vergangenen Tage will die FPÖ im Wahlkampf nach wie vor Regierungskompetenz zeigen. Und da war es nur logisch, einen aus der Regierungsmannschaft an die Spitze zu stellen.

Wen sonst? Die beiden attraktiven Spitzenleute in der Regierung, Susanne Riess-Passer und Karl-Heinz Grasser, sind aufgrund des "kleinen Betriebsunfalls", wie Jörg Haider es bezeichnete, für den großen Wahlkampfeinsatz ausgefallen. Der FPÖ ist zwar manches zuzutrauen - diesen gordischen Knoten an Unglaubwürdigkeit und Verhöhnung der Wähler hätte aber nicht einmal ein Kärntner Alexander zu zerschlagen vermocht.

Herbert "Brutus" Scheibner, vor ein paar Wochen noch Zukunftshoffnung in der Partei, ist zwar weiter Obmannstellvertreter, politisch aber erledigt. Er ist in den vergangenen Tagen so oft umgefallen, dass ihm inner- und außerhalb der Partei kaum noch jemand die Hand geben möchte.

Also Haupt. Warum nicht? An vorderster Stelle wird ohnedies Jörg Haider wahlreden und wahlkämpfen. Interessant ist, wer da als Stellvertreter zu seiner Verstärkung ausrücken soll: Hubert Gorbach etwa. Der Vorarlberger Landesrat hat am Donnerstag definitiv abgelehnt. Oder Thomas Prinzhorn, Nationalratspräsident und Industrieller. War selbst schon einmal Spitzenkandidat. Zuletzt hat er sich durch seine Kapriolen für und gegen Riess-Passer ausgezeichnet. Ursula Haubner ist tatsächlich eine Personalreserve in der FPÖ. Nicht weil sie Jörg Haiders Schwester ist, sondern trotzdem. Immerhin ist die oberösterreichische Landesrätin fachlich kompetent.

Aber eigentlich egal, wer da als Stellvertreter oder Spitzenkandidat ins Rennen zieht, es zählt der Mann an der Spitze, und der heißt Jörg Haider. Wolfgang Schüssel kann noch so sehr Riess-Passer und Grasser nachrufen, er hat mit Haider zu tun - und der hat die Regierung platzen lassen und wird es wieder tun. Sich die Option einer Zusammenarbeit mit einer liberalen, braven FPÖ offen zu halten ist also rein theoretisch, weil es diesen liberalen und berechenbaren Flügel in den Führungsgremien der FPÖ gar nicht mehr gibt.

Schüssels trotziges Festhalten an der Möglichkeit, sich mit Haiders FPÖ nach den Wahlen zusammenzuraufen, ist lediglich ein strategisches Sandkastenspiel und kann nur den Zweck haben, sich nicht bedingungslos der SPÖ auszuliefern - und dabei vielleicht auch noch ein paar potenzielle Wähler von Riess-Passer und Grasser anzusprechen. Dass Schüssel sich nicht erneut Haiders Gnade ausliefert und die ÖVP abermals in einen - vorhersehbaren - Betriebsunfall lenkt, dafür werden die mächtigen Landeshauptleute, allen voran Erwin Pröll aus Niederösterreich, sorgen. Pröll steht übrigens auch für den Fall bereit, dass Schüssel scheitert. Eigentlich steht er für jeden Fall bereit. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2002)

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