Schaurig schöne Schluchten

16. September 2002, 13:34
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Mit dem Kanu, Kajak oder kletternd in die "verborgenen Landschaften" vordringen, die das Wasser in Jahrmillionen geschaffen hat

Was fließendes Wasser innerhalb weniger Stunden anrichten kann, haben wir in den vergangenen Wochen eindrucksvoll erlebt. Entfesselte Bäche zerstörten Häuser und ganze Dörfer, Flüsse verwandelten fruchtbares Land in Schlammwüsten.

Es gibt aber auch eine andere, sanfte Gewalt des Wassers, mit der sich dieses im Laufe von Jahrtausenden bis Jahrmillionen in harte Felsen eingegraben hat. Entstanden sind dadurch Schluchten, so groß wie der Grand Canon in Arizona, oder enge Klammen, oft nur hundert Meter tief und an manchen Stellen kaum eine Armspanne breit: die Maéschlucht in den Dolomiten, die Strubklamm im Salzburger Tennengau oder die Gola Spallagoni nahe dem Gardasee.

Sie beziehen, wie der Schluchtenexperte Hans Matz meint, "ihre Anziehungskraft und Faszination aus den wechselvollen Spielen von Licht und Dunkelheit, Höhe und Tiefe, Geräusch und Stille, Gefahr und Geborgenheit". 65 solcher "verborgenen Landschaften" hat Matz in seinem Buch "Durch Österreichs Schluchten" aufgelistet. Von der wie in den Kalkfels gehackten kurzen Schnanner Klamm in Tirol bis zur blockbemoosten Ysperklamm in Niederösterreich, vom abseitigen Klausgraben im steirischen Salzatal, der mit offenen Kanus durchfahren werden kann, bis zur Mölltaler Raggaschlucht, durch die Bohlensteige und Brücken führen.

Das Tageslicht dringt nur spärlich in diese Schlünde, und man erinnert sich, dass die alten Griechen in der Schlucht des Acheron den Eingang zur Unterwelt sahen. Namen wie "Teufelsklamm", "Hölltal" oder "Üble Schlucht" zeigen, dass die Alpenbewohner ähnlich dachten und die engsten der Klammen ängstlich mieden. Sie sahen in ihnen nichts anderes als die Heimat von Wölfen, Bären und Raben.

Erst in jüngster Zeit lockt Abenteuerlust die Menschen in diese letzten weißen Flecken inmitten einer sonst über- erschlossenen Natur. Wildwasser-Kajakfahren, "Canyoning" und Klammklettern sind die leider oft als Sensationen verkauften Sportarten, die in die geheimnisvollen Tiefen der Schluchten führen.

Die Maéschlucht südöstlich von Cortina d' Ampezzo, die bei Longarone in den Fluss Piave mündet, ist auf ihren letzten vier Kilometern eine mäßig schwierige Kajakstrecke von beklemmender Schönheit. "Ende der Welt" nannten sie die Erstbefahrer. Es ist dunkel in der Schlucht, und an einigen Stellen so eng, dass die Paddel senkrecht gehalten werden müssen. Eine Befahrung der Maéschlucht ist ausdrücklich nur wildwassererfahrenen, gut ausgerüsteten Kajakfahrern unter kundiger Führung bei Niedrigwasser und sicherem Schönwetter zu empfehlen. Die Angaben im DKV-Kajakführer sind ernst zu nehmen, Erkundigungen über Baumhindernisse einzuholen.

Sicheres Wetter ist auch eine Voraussetzung für das "Canyoning", in einer gewöhnungsbedürftigen Eindeutschung "Schluchting" genannt. Dabei wird eine wasserführende Schlucht - beispielsweise die Strubklamm in Salzburg oder die Goldbachklamm in Kärnten - von oben nach unten abwechselnd watend, schwimmend, kletternd, sich abseilend und in Wasserlöcher springend bewältigt.

Eine trockene Variante des "Schluchtings" ist das Klettern auf einem Steig, der mit Eisenklammern und Drahtseilen gesichert ist. Solche Klettersteige führen etwa durch die Mauthner Klamm im Gailtal oder die Sallagonischlucht im Sarcatal nördlich des Gardasees. Letztere ist mit nur hundert Metern Höhenunterschied kurz aber sportlich. Dramatischer Höhepunkt ist eine schwankende Hängebrücke, die sich in luftiger Höhe quer durch die Schlucht spannt und demonstriert, dass der Mensch hier ein Eindringling ist. (Horst Christoph/DER STANDARD, Printausgabe)

Literatur-Tipps:
Hans Matz: "Durch Österreichs Schluchten. Kajakfahrten und Wanderungen." Pollner Verlag: Oberschleißheim, 2. Aufl. 1998;

Eugen E. Hüsler: "Klettersteige Gardasee. Mit Trientiner Bergen und Monti Lessini." Edition Bergsteiger Bibliothek. Bruckmann Verlag München: 2000.

Info

Am Gardasee organisieren Canyoning- und Klettersteigtouren:
Orizonti Trentini Arco, Tel. 0039 / 0338 / 6711785

Canyon Adventures, Torbole, 0039 / 0464 / 505072 und 0039 / 0339 / 8036802
www.canyonadv.com
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    "Canyoning"

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