"Schauplatz von Heldentum und Tragödie"

13. September 2002, 12:24
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Katastrophentourismus in New York - Ground Zero ist zu einem Anziehungspunkt für Schaulustige aus aller Welt geworden

Im Grunde gibt es nicht viel zu sehen: Die Aufräumungsarbeiten auf Ground Zero sind abgeschlossen, und für den Wiederaufbau gibt es noch nicht einmal konkrete Pläne. Aber die Schaulustigen kommen trotzdem, bewaffnet mit Filmgeräten, Fotoapparaten und Feldstechern, um einen Blick durch den Zaun aus Maschendraht, der die sieben Stock tiefe Baugrube umgibt, zu erhaschen.

Besucherstrom regulieren

Von Dezember 2001 bis Ende Juni dieses Jahres hatte die Stadt New York eine Tribüne aufgestellt, von der aus man einen Überblick gewinnen konnte, und Freikarten ausgegeben - von denen mehr als eine Million Menschen Gebrauch machten. "Wir wollten den Strom der Besucher etwas regulieren", erklärt Amy Solomonsen vom offiziellen New Yorker Tourismusbüro.

Katastrophen-Tour

Seit Anfang Juli sei die Besucherzahl auch etwas zurückgegangen - Anrainer wollen jedoch eine spürbare Steigerung der Besucher während der letzten Tage vor dem Jahrestag von 9/11 bemerken. Die Stadt New York empfehle jedenfalls keine spezielle "Katastrophen"-Tour. "Einige Reiseveranstalter binden Ground Zero halt in ihre bestehenden Programme ein", erklärt Solomonsen.

Die Zäune rund um die aus dem 18. Jahrhundert stammende St. Paul's Chapel, die im Schatten der Twin Towers gestanden und wie durch ein Wunder nahezu keinen Schaden erlitten hatte (kein einziges Fenster zerbrach), wurden von Besuchern mit Hunderten amerikanischen Fahnen, Kreuzen und Kleidungsstücken von freiwilligen Helfern geschmückt, wie etwa verschmutzte T-Shirts mit der Aufschrift "God loves New York".

Souvenirs, Souvenirs,...

Und natürlich dürfen auch die Straßenverkäufer, die "street vendors", nicht fehlen, die der Situation angemessene Souvenirs verkaufen, wobei T-Shirts und Baseballmützen mit den Initialen "FDNY" (Fire Department of New York) und "NYPD" (New York Police Department) wie die heißen Semmeln weggehen.

Und natürlich gibt es sie, die als "geschichtlich" getarnten Katastrophen-Touren: New York City Vacation Packages etwa bietet "professionell geführte Spaziergänge" durch Lower Manhattan an: "Kommen Sie vorbei und zollen Sie jenen, die gestorben sind, Tribut. Besuchen Sie die historischste Stätte der USA", wird die Tour beworben. Und: "Sie werden einen ausgezeichneten erlaubten (sic!) Blick über die 65.000 Quadratmeter erhalten, dem Schauplatz von Heldentum und Tragödie."
www.nycvp.com/ground_zero1.html

Wer "Ground Zero" sozusagen aus erster Hand erleben will, kauft sich eine Führung mit einem ehemaligen Mitglied der New Yorker Polizei, dem mittlerweile pensionierten Gary Gorman, der in den Tagen nach der Attacke bei den Bergungsarbeiten mitgeholfen hat und dabei eine Reihe von Fotos geschossen hat, die man ebenfalls besichtigen (und vielleicht sogar kaufen) kann.
www.imar.com/promote

Kommen die New Yorker auch?

Die Touristen kommen also nach New York und besuchen "Ground Zero", viele aus anderen Bundesstaaten und aus Übersee. Kommen die New Yorker auch? Das ist schwer abzuschätzen. Aber immer wieder, wenn man mit waschechten New Yorkern spricht, erhält man einander ähnelnde Antworten: "Ich gehe nicht hin." Oder: "Ich kann noch nicht." Oder: "Es tut zu weh." (Susi Schneider/DER STANDARD, Printausgabe)

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    Ground Zero zum Jahrestag des Terroranschlages

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