Der New Yorker Hafen

20. Oktober 2005, 13:56
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Kaum ein Platz ist so mit plakativen Heilsversprechen und Klischees überladen - Trotzdem ein magischer Ort

Das Wichtigste an New York City ist gratis. Man kriegt es, ohne Schlange zu stehen, ohne Eignungsprüfung, ohne Gesichtskontrolle, Dresscode oder Eintrittskarte. Man mischt sich in Battery Park einfach unter die Menge, die, je nach Tageszeit, aus Schulkindern, Aktenkofferträgern, Touristengruppen oder Sandlern besteht, geht durchs Drehkreuz an die Schiffsanlegestelle und besteigt die viertelstündliche Fähre nach Staten Island.

Wenn das Schiff ablegt, schaut alles ein bisschen anders aus, als es im global-kollektiven Populärgedächtnis aus Filmszenen, Postkarten und Erinnerungsfotos abgespeichert ist: Da, über der Skyline des südlichen Manhattan, fehlen die beiden höchsten Türme, und man weiß warum. Aber dann spürt man den salzigen Fahrtwind, dreht sich um und schaut nach vorn.

Auf das Wasser aus Hudson, East River und Kill van Kull, die hier, in der Upper New York Bay, zusammenfließen. Zehn Kilometer sind es nach Staten Island, quer durch die ganze Hafenbucht. Rechts fährt langsam Ellis Island ins Bild, und die große steinerne Frau mit der Fackel in der Hand. Und dann weiß man: Amerika steht noch, trotz allem.

Der Hafen von New York, so wie er seit der feierlichen Eröffnung der Freiheitsstatue am 28. Oktober 1886 ausschaut, ist wahrscheinlich der meistabgebildete der Welt. Man kennt ihn, ohne je hier gewesen zu sein, und auch wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, weiß, was er dem Neuankömmling verspricht.

Kaum ein anderer Ort auf dem Erdball ist so überladen mit plakativen Heilsversprechen und Klischees. Das auf der Bronzeplatte im Sockel der Statue eingravierte Gedicht ist Kitsch. Den Besuchermassen, die sich an Sommertagen durch das "American Museum of Immigration" auf Ellis Island drängen, weicht man am besten großräumig aus. Und trotzdem gelingt es nicht, diesen Ort einfach als Lüge zu entlarven: Denn die Millionen Geschichten, die hier begonnen und die Millionen Biografien, die hier ihre entscheidende, oft lebensrettende Wendung genommen haben, sind wirklich wahr.

Der New Yorker Hafen ist ein magnetischer Ort, im wörtlichen Sinn. Hier schaute man nicht kurz auf einer Kreuzfahrt vorbei, hierher kam man nicht auf Segeltörn oder auf Sommerfrische. Hierher kam, wer ein ganzes anderes Leben hinter sich gelassen hatte, wer neu anfangen und für immer bleiben wollte.

1643, zwanzig Jahre, nachdem die ersten europäischen Siedler aus Holland gekommen waren, zählte New Amsterdam 500 Einwohner und 18 Sprachen. 1855, nach den großen Hungersnöten in Irland, war New York mit 623.000 Bewohnern bereits die größte Stadt der westlichen Hemisphäre. Den Deutschen und Engländern folgten in der nächsten großen Einwandererwelle die russischen Juden und die Italiener, und viele von jenen, die glaubten, sie seien bloß auf der Durchreise, blieben in Manhattan hängen, in den finsteren, feuchten Zinshäusern der Lower East Side, wo die Ratten hausten und Tuberkulose grassierte, aber wo es Jobs in den Hinterhofmanufakturen, den berüchtigten "Sweatshops" gab. - Die Ratten gibt es heute noch, die Sweatshops ebenfalls, bloß beschäftigen die heute hauptsächlich chinesische Neuankömmlinge.

In seiner größten Zeit, zwischen 1892 und 1924, als New York Ziel für Flüchtende, Ehrgeizige, Hungernde, Verzweifelte, Hoffnungsvolle oder schlicht Gelangweilte aus aller Welt wurde, durchliefen 16 Millionen Menschen die Schleuse dieses Hafens. Amerika hieß für sie zunächst Ellis Island und stellte sich ihnen in Form eines Holzgebäudes in den Weg, das die amerikanische Einwanderungsbehörde beherbergte.

Auch das gelobte Land von damals nahm nicht jeden auf. Die Beamten von Ellis Island, im großen Registrierungsraum, der das Zentrum der Anlage bildete, hatten den Auftrag, Bettler, Polygamisten, psychiatrische Fälle, Kriminelle oder Menschen mit ansteckenden Krankheiten aus der Masse herauszufischen und an der Einreise zu hindern. Allzu streng dürften sie nicht gewesen sein, wie die Statistik verrät: 98 Prozent der Aufnahmesuchenden wurden in jener Zeit eingelassen, und 80 Prozent überstanden die gesamte Prüfungsprozedur in weniger als acht Stunden.

So großzügig sollte man jedoch nicht immer bleiben. Mitte der 20er-Jahre, als die Wirtschaftskrise dem Land zusetzte, setzte die Regierung der Masseneinwanderung ein Ende, erließ unterschiedliche Quoten für mehr oder weniger erwünschte Neubürger und verlegte das Screening in deren Herkunftsländer. Ellis Island, in schmerzhafter Sichtweite der Skyline von Manhattan, wurde mit einem Schlag vom Ort der Hoffnung zum Ort der Enttäuschung: zum Internierungslager für alle, die deportiert werden sollten, nachdem sie schon glaubten, sie hätten es geschafft.

Eigentlich ist der Hafen von New York heute ein ziemlich trübes Gewässer. Er verweigert sich allen Regeln touristischen Schnickschnacks, hat keine dekorativen Docks, beherbergt weder historische Segelschiffe noch neckische Luxusjachten, nicht einmal mit einer anstän

digen Aussichtspromenade samt Freiluftgastronomie kann er aufwarten.

Die Füße irgendwo ins Wasser zu stecken, ist an der gesamten Südspitze Manhattans topografisch ein Ding der Unmöglichkeit und wäre hygienisch wohl auch kaum anzuraten. Nirgendwo tutet, wie man es sich wünschen würde, eine Schiffssirene. Es riecht streng. Und Fische wurden im Umkreis schon lang keine mehr gesehen.

Es gibt, nüchtern betrachtet, nicht viele objektive Gründe, warum man an einem sonnigen oder trüben Spätsommertag in Battery Park durch das Drehkreuz gehen und die Fähre nach Staten Island besteigen sollte. Am anderen Ende der zwanzigminütigen Überfahrt, auf der spießigen Insel, gibt es außer Reihenhäuschen, Vorgärten und Parkplätzen eigentlich nichts zu sehen.

Doch wenn man auf der Gratisrückfahrt an der Reling steht, geradeaus die Skyline von Manhattan, die anders ist und verstümmelt, aber immer noch da, dann weiß man, worum es an diesem Ort geht: nicht um die Wirklichkeit, sondern um die Möglichkeit. Um so viele Möglichkeiten.

Schon klar, dass du ein Rückflugticket in der Tasche hast, bloß kurz auf Besuch in New York bist, auf Kreuzfahrt, Segeltörn oder Sommerfrische. Schon klar, dass du gern dort lebst, wo du daheim bist und niemand dich zwingt, alles liegen und stehen zu lassen und neu anzufangen. Aber du hast dich verraten. Du wolltest kurz mal testen, wie es sich anfühlt, in den Hafen von New York einzufahren, links die Statue, von vorn der Wind, ein kleines Kitzeln im Bauch, und hinter dir dein Leben. (Sibylle Hamann/DER STANDARD, Printausgabe)

Sibylle Hamann ist Redakteurin des Nachrichtenmagazins "profil" und berichtete u.a. als Korrespondentin aus New York.

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