"Die Zeit": "Haider gebührt Dank"

12. September 2002, 11:08
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"Nach FPÖ-Putsch zeigt sich Rechtspopulismus wieder unverhüllt"

Hamburg/Wien - "Es wird eng für den Kanzler", analysiert die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" in ihrer neuesten Ausgabe die Position von ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel nach dem Scheitern der schwarz-blauen Regierungskoalition. "Er hat gehandelt und stellt sich der Wahl. Nicht, dass er eine Alternative gehabt hätte. Dennoch hat er Jörg Haider offenbar überrascht. Der hatte Schüssel selbst diese verzweifelte Flucht nach vorn nicht zugetraut. Aber Kanzler wird Schüssel nur bleiben, wenn er entweder die ÖVP zur stärksten Partei macht - was nicht wahrscheinlich ist -, oder die havarierte Koalition mit der verbliebenen Schmisse-FPÖ fortsetzt. (...) Wie Letzteres klappen soll, ist schwer vorstellbar."

"Klarheit geschaffen"

"Der ehemalige SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky, dessen Bild sich angesichts der herrschenden Realitäten zu verklären beginnt, hatte zu seinen schlechtesten Zeiten bessere Werte als Schüssel heute", heißt es in dem Artikel. Haider gebühre "irgendwie auch Dank": Der Kärntner Landeshauptmann habe "Klarheit geschaffen" und "die Legende vom 'rechtsliberalen', 'libertären' oder sonst irgendwie postmodernen 'Phänomen' des Rechtspopulismus demaskiert. Zwei Jahre nach der Regierungsbildung von Wien, nach den zwiespältigen Sanktionen der 14 EU-Staaten schließt sich nun der Kreis: Der Wiener Maskenball ist zu Ende, das Original kehrt unverhohlen zurück..."

"Das Parteivolk ist eins mit ihm, die Parteichefin und Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, bis zuletzt ihrem Schöpfer und Mentor geradezu unterwürfig ergeben, wurde in Abwesenheit verhöhnt, geteert und gefedert. Wo Haider von Basis und von Demokratie spricht, hat ein Führerputsch stattgefunden, nach klassischem Muster, so gnadenlos und elitär wie eh und je in der Menschheits- und vor allem Parteiengeschichte, nur nicht so blutig wie in revolutionären oder totalitären Zeiten, als die Unterlegenen im Machtkampf nicht nur den Job, sondern auch den Kopf verloren."

Schluss mit ...

Die FPÖ fordere "Schluss mit dem Schmusekurs gegenüber Prag, wie ihn Schüssel fährt, Schluss mit der Ost-Erweiterung der EU, Schluss mit den Nettozahlungen und, wenn's sein muss, Schluss mit der EU-Mitgliedschaft. Schüssel will das verhindern. Lassen wir das mit der 'Dritten Republik' und anderen Haider-Ideen, die er noch nie für besonders seriös gehalten hat. Sowieso hat der christdemokratische Berufspolitiker, Hobbykarikaturist und Cellospieler Schüssel 'den Haider' noch nie sehr ernst genommen. Sich dauernd wegen des Kärntners rechtfertigen zu müssen, hat ihm die zweieinhalb Amtsjahre fast so vergällt wie die Zeit als Vizekanzler neben dem Sozialdemokraten Viktor Klima. Dem fühlte er sich intellektuell so sehr überlegen, dass es weh tat. Mit Haider fehlte der tägliche Nahvergleich. Aber dass er den Rumpelstilz zähmen würde, das dachte er schon. Nun nicht mehr. Jetzt spricht Schüssel von 'Chaos'. Und sagt: 'Mir ist wehmütig zumute.' Dumm gelaufen." (APA)

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