Der Nebel zählt zu den gefährlichsten Wettererscheinungen

12. September 2002, 10:20
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Niedrige Temperaturen und erhöhtes Feuchtigkeitsangebot lassen die feucht-kalte "Nebelsuppe" entstehen

Wien - Die feucht-kalte graue "Suppe" kriecht selbst durch dickste Mäntel, fegt die herbstlichen Straßen menschenleer, verschluckt Geräusche, hat manchmal auch romantische Züge, zählt aber zu den gefährlichsten Wettererscheinungen: Der Nebel, der Dominator des Wettergeschehens im Herbst.

Niedrige Temperaturen in Bodennähe und erhöhtes Feuchtigkeitsangebot verlagern in dieser Jahreszeit die Wolkenentstehung auf den Boden und erinnern uns daran, wie körperlos Wolken tatsächlich sind - ganz im Gegensatz zum Eindruck vom Flugzeug aus, wo uns die Wolken so fest erscheinen, als ob sie tragen könnten.

Unterschiedlich temperierte Luft

Das Prinzip hinter der Nebelentstehung ist das Aufnahmevermögen unterschiedlich temperierter Luft für Wasserdampf. Warme Luft könne wesentlich mehr gasförmiges Wasser enthalten als kalte, hieß es dazu in der Klimaabteilung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik auf der Hohen Warte in Wien. Kühlt sich Luft ab, kommt irgendwann der Punkt, an dem das Maximum der Aufnahmefähigkeit erreicht ist - der Taupunkt. Diesen definieren die Meteorologen als "jene Temperatur, bei der in einem Gas-Dampf-Gemisch das Gas mit dem Dampf gerade gesättigt ist". Bei Wasserdampf in der Luft ist der Taupunkt erreicht, wenn die relative Luftfeuchtigkeit 100 Prozent beträgt. Kühlt die Luft unter diese Temperatur ab, kondensiert der Wasserdampf, und an so genannten Kondensationskernen, z.B. feinste Staubkörnchen ähnlich wie bei der Schneebildung, lagern sich winzige Tröpfchen an.

Schwebende Wassertröpfchen bilden den Nebel

Diese schwebenden Wassertröpfchen sind im Schnitt zwischen einem Hundertstel- und einem Zehntelmillimeter groß. Sind sie in entsprechender Zahl vorhanden, bildet sich Nebel. Für die Meteorologen ist dies ab einer Sichtweite von weniger als einem Kilometer der Fall. Je nach Entstehungsart unterscheiden die Wissenschafter verschiedene Erscheinungsformen.

Strahlungsnebel

Am häufigsten tritt in unserem Klimagebiet der so genannte Strahlungsnebel auf: In den herbstlichen, Wind schwachen, bewölkungsarmen und länger werdenden Nächten kühlt der Boden durch Abstrahlung der Wärme in den Weltraum ab, sodass rasch der Taupunkt erreicht wird und die Feuchtigkeit in der darüberliegenden Luft kondensiert. Eine leichte Brise unterstützt die Nebelbildung: Bei völliger Windstille kommen nicht so viele Luftmoleküle mit der kühlen Erdoberfläche in Berührung. Während starker Wind den Nebel meist ganz auflöst, hält eine leichte Brise die feuchte Luft gut in Bewegung und kann den Nebel hundert Meter und höher treiben. Häufig findet sich der Nebel in Tälern und Senken, wo sich kalte Luft ansammelt. Gewöhnlich lässt die Sonneneinstrahlung des neuen Tages diesen Nebel innerhalb weniger Stunden wieder verdunsten.

Verdunstungsnebel am Wasser

In der Nähe von Seen und Flüssen wird durch das erhöhte Feuchtigkeitsangebot der Taupunkt auch schon bei höheren Temperaturen erreicht. Es bildet sich der so genannte Verdunstungsnebel, der für die Gewässer reichen Gegenden Österreichs wie das Salzkammergut typisch ist - wie viele Autofahrer entlang der Westautobahn in Oberösterreich und Salzburg aus eigener leidvoller Erfahrung wissen.

Advektionsnebel

Während für diese "Nebel" Wind schwache Wetterlagen typisch sind, spielen beim so genannten Advektionsnebel große Luftbewegungen die Hauptrolle, so die Meteorologen. Wenn warme, feuchte Luftmassen über eine kühle Wasser- oder Bodenfläche fließen, wie dies oft in Küstennähe der Fall ist, kondensiert das in ihr enthaltene Wasser zu Nebel.

Prominentes Beispiel für diese Nebelart ist San Francisco. Dort treibt feuchte Warmluft über die kalte kalifornische Meeresströmung in Richtung Küste und sorgt für eines der berühmtesten Postkartenmotive der Stadt, die aus der Nebelbank ragenden Spitzen der Golden Gate Bridge.

Hochnebel

Eine besondere Form des Advektionsnebels ist auch hier zu Lande weit verbreitet: der Hochnebel, der oft für Wochen die Sonne verdeckt. Diese geschlossene Nebeldecke in mehreren hundert Metern Höhe entsteht, wenn warme, feuchte Luftmassen über einen darunterliegenden "Kaltluftsee" geschoben werden. Im Kontaktbereich der beiden Luftmassen kondensiert der Wasserdampf zu Nebel.

Diese "abnormale" Wettersituation - üblicherweise nimmt die Temperatur mit der Höhe ab und nicht zu - wird Inversion genannt. Solche Wetterlagen, wie sie in Österreich vor allem in den Beckenlagen von Graz und Klagenfurt oder international beispielsweise in Los Angeles häufig zu beobachten sind, können äußerst stabil - und auch gefährlich - sein. Die Hochnebelschicht liegt wie ein Deckel über diesen Gebieten, sodass Schadstoffe aus Autos, Hausbrand und Industrie nicht entweichen können und Smog entsteht. In London hat eine derartige Wettersituation 1952 in nur vier Tagen 4.000 Todesopfer gefordert.

Böschungsnebel

Luftbewegungen spielen auch beim so genannten Böschungsnebel eine Rolle, wenn warme, feuchte Luftmassen in höhere Lagen wachsen, etwa durch Aufwärtsbewegung entlang eines Berghangs. Durch die damit verbundene Abkühlung kondensiert der Wasserdampf, die Grenze zwischen Wolken- und Nebelbildung verschwimmt. Für den Beobachter im Tal entstehen Wolken, die am Berg "aufliegen", für den Wanderer, der in einer solchen Wolke sitzt, ist es Nebel.

Eine andere Art von Nebel entsteht über Seen oder ruhigen Flüssen, wenn Kaltluft über das wärmere Wasser hinwegstreicht. Wenn dieses um drei bis fünf Grad wärmer ist als die Luft, was vor allem im Frühherbst häufig vorkommt, entstehen dicht über dem Wasserspiegel dichte Schwaden, der so genannte Seerauch.

Die wahrscheinlich nebeligste Ecke der Welt sind die Grand Banks in Neufundland an der Ostküste Kanadas, wo im Jahresdurchschnitt mehr als 120 Tage Sichtweiten von weniger als einem Kilometer herrschen. Und der schottische Berg Ben Nevis soll laut Guinness-Buch der Rekorde an 300 Tagen in Nebel gehüllt sein.

Auf Grund der kleinräumigen Unterschiede in der Nebelsituation gibt es für Österreich nach Angaben der Wiener Hohen Warte keine einheitlichen Nebelwerte. Im Fall Wien zeige sich aber, dass es im unmittelbaren Stadtgebiet - auf Grund der Wärmeinsel und der fehlenden Feuchtigkeitsquellen - deutlich weniger Nebeltage gibt als rund um die Donaumetropole. Dagegen verzeichnet man auf den Gipfel der umliegenden Berge doppelt bis dreimal so viel Nebeltage wie im Zentrum Wiens. (APA)

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