Therapie für "kranke Gehirne"

11. September 2002, 20:24
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Fachkongress in Wien: Behandlung von Sexualstraftätern reduziert das Rückfallrisiko

Wien - Wegsperren oder therapieren? Bei Sexualverbrechern lautet die Antwort oft: diesen "kranken Gehirnen" ist nicht zu helfen. Doch Fachleute sind der Meinung, dass gerade durch die Behandlung von Sexualstraftätern Verbrechen verhindert werden können. "Täterhilfe ist Opferhilfe", sagte Rainhard Eher, der Leiter der heimischen Dokumentationsstelle für Sexualstraftäter, am Mittwoch bei der Eröffnung der Konferenz der "International Association for the Treatment of Sexual Offender" im Wiener AKH. Mehr als 400 ExpertInnen aus 40 Ländern tauschen dort bis Samstag Erfahrungen aus.

Die Dunkelziffer mit einbezogen dürften jedes Jahr an die 20.000 sexuelle Übergriffe in Österreich begangen werden. Im selben Zeitraum werden 450 bis 500 Täter gerichtlich verurteilt - rund zwei Drittel davon wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Rund 100 Täter werden jährlich rückfällig und von der Polizei erwischt - laut Eher nur ein Zehntel aller Wiederholungstaten. Umso mehr Gewicht sei daher der Arbeit mit den Kriminellen zuzuschreiben. Das heiße aber nicht, dass Täter einer Bestrafung entgingen.

Die Begutachtungsstelle für Sexualstraftäter in der Justizanstalt Wien-Mittersteig besteht seit Jahresanfang. Wie Michael Neider vom Justizministerium ausführte, werden die Akten aller einschlägig Verurteilten dorthin übermittelt und die Kriminellen - je nach Dringlichkeit - für ein bis zwei Monate untersucht.

Nachbetreuung Dieses Gutachten umfasst eine Einschätzung des Rückfallrisikos und mögliche Ansätze für eine Therapie und soll den Justizanstalten als Hilfsmittel dienen. Nach der Haftentlassung stehen in Österreich vier Nachbetreuungsstationen zur Verfügung.

Der deutsche Fachpublizist und Kongressteilnehmer in Wien, Werner Krebber, beschreibt drei Behandlungskategorien bei Sexualstraftätern:

Medikamente:

Präparate wie zum Beispiel "Adrocur" reduzieren die Wirkung von männlichen Geschlechtshormonen. Dadurch kann die Selbstkontrolle des Sexualtriebes verbessert werden.

Verhaltenstherapie:

Dem Täter werden seine Defizite, die oft krankhafte Störungen sind, vor Augen geführt. Ziel ist es, diese Defizite besser in den Griff zu bekommen - also nicht Heilung, sondern auch Stärkung der Selbstkontrolle.

Tiefenpsychologie:

Täter bearbeiten die eigene Persönlichkeitsproblematik, aus der heraus es zum Verbrechen gekommen ist. Damit wird ein "Nachreifen" der Persönlichkeit angestrebt, ein Bewusstwerden der sexuellen Abweichung. Tiefenpsychologische Therapien dauern oft viele Jahre.

In jedem Einzelfall ist es besonders wichtig, in den therapierten Sexualstraftätern den Mangel an Empathie wachzurufen - also die Fähigkeit, mit der sich Gefühle anderer Menschen verstehen lassen, zu stärken. Gelingt dies, sind die Chancen, dass ein Sexualtäter nicht rückfällig wird, erheblich besser.

Bei dem Kongress im Wiener AKH sind unter anderen auch der Kriminalpsychologe Thomas Müller und der Psychiater Reinhard Haller vertreten. Kinderpsychiater Max Friedrich vermittelt seine Erkenntnisse über die möglichst schonende Vernehmung von Opfern.

(APA, simo, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.9.2002)

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