Idolatrie - Von RAU

11. September 2002, 19:44
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Interessantes Phänomen: Die "Wenn das der Führer wüsste!"-Mentalität lebt noch. Zumindest in Österreich. Im Dritten Reich stießen viele der braven Untertanen diesen Stoßseufzer aus, wenn wieder einmal besonders schreckliche Nachrichten auf sie herniederprasselten. Viele hielten die Umgebung Hitlers, die "Bonzen", für verantwortlich und konnten und/ oder wollten sich seine tatsächliche Urheberschaft nicht eingestehen. Derzeit erleben wir das mit Jörg Haider: Der Mann hat die Koalition in die Luft gesprengt und die eigene Partei halb ruiniert, aber schuld sind in den Augen der FPÖ-Anhänger die Handlanger: die Stadlers, die Achatz', Strutz' usw. Zweitklassige Handlanger, die aber den Putsch gegen Riess-Passer vorbereitet und exekutiert haben. Haider aber, der in Knittelfeld grinsend dabeisaß, als einer seiner Kärntner Hintersassen das mit Riess-Passer beim Abendessen ausgearbeitete Papier zerriss - den wünschen sich alle, Riess-Passer inklusive, wieder zurück an die Parteispitze: Wenn das der Führer gewusst hätte, was der Stadler und Konsorten da treiben! Aber wahrscheinlich kann man nur so - in der Realitätsverweigerung - weiterleben, will man nicht an seinem Idol verzweifeln.(DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2002)
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