Unternehmen protestierten gegen Wirtschaftsgipfel in Salzburg

11. September 2002, 19:37
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Firmen fürchten Tagungsflaute

Salzburg - Die Polizei begann Mittwoch in Salzburg die ersten Sperrgitter aufzubauen, um den Europagipfel des Weltwirtschaftsforums (WEF) kommenden Montag und Dienstag abzuschirmen. Fast gleichzeitig wurden nun auch von Unternehmerseite Proteste gegen die Tagung laut. Bei der Bezirksstelle der Wirtschaftskammer seien rund 40 Anrufe eingegangen, berichtete der Direktor des VP-Wirtschaftsbundes, Franz Riedl.

Vor allem Geschäfte in den Sperrzonen rund um den WEF-Tagungsort Kongresshaus befürchten massive Umsatzeinbußen. Nach den Erfahrungen beim WEF-Gipfel im Juli 2001 sperren einige gleich ganz zu. Entschädigungen können sie sich keine erwarten. Laut AK-Präsident Alexander Böhm dürfen die betroffenen Betriebe ihre Mitarbeiter auch nicht in "Zwangsurlaub" schicken sondern müssen sie trotz Umsatzausfall weiter bezahlen.

Aber zumindest für eine kostenlose telefonische Rechtshilfe ist gesorgt. Neun Salzburger Anwälte - darunter prominente Rechtsvertreter wie der Halleiner Stadtrat Heinrich Schellhorn oder die Kanzlei Buchner-Haller - haben sich zu einem Anwaltspool zusammen geschlossen und bieten Beratungen im Zusammenhang mit Platzverweisen, Durchsuchungen oder Geschäftsentgang. Erreichbar ist die "Grundrechtshotline" ab Samstag unter [TEL] 0676/841 782 263.

Der Salzburger Wirtschaftsbund nutzt den Rummel um das WEF übrigens selbst für politische Aktionen. In lokalen Medien wurden Inserate geschaltet. Die Botschaft: Die Klein- und Mittelbetriebe seien das Herz der österreichischen Wirtschaftskraft, die Politik favorisiere jedoch nur multinationale Konzerne.

Darüber hinaus veranstaltet der Wirtschaftsbund auch eine eigene Alternativveranstaltung zum WEF-Gipfel. Freitagabend referieren im Haus der Wirtschaftskammer Wirtschaftswissenschafter und der Gründer des Alternativnobelpreis Jakob von Uexküll über die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf die mittelständische Wirtschaft.

Dies hat wiederum gleich die FPÖ auf den Plan gerufen. FP-Stadtvize Siegfried Mitterdorfer sieht hinter den WEF-Gegnern ein "gut getarntes linksextremes Netzwerk". Die Kooperation des Wirtschaftsbundes mit solchen Kräften sei jedenfalls bedenklich.

Das WEF versucht indes dem Unmut vieler Salzburger angesichts der massiven Einschränkungen in den Sicherheitszonen zu begegnen. WEF-Chef Klaus Schwab bedankte sich in einem Brief an tausende Salzburger Haushalte ausdrücklich für "die Gastfreundschaft". Zusätzlich werden WEF-Bedienstete in den nächsten Tagen Infomaterial an Passanten in der Altstadt verteilen. (neu/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2002)

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