Er musste wieder da sein

11. September 2002, 19:24
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Haider sind die Sündenböcke abhanden gekommen - ein Kommentar von Eva Linsinger

Es war wohl einer der raren wirklich ehrlichen Sätze der vergangenen Tage, der Jörg Haider da vor dem FPÖ-Parteivorstand in Linz entschlüpft ist. "Mein Wunsch ist es nicht", tönte das einfachste aller einfachen Parteimitglieder auf die Frage, ob er wieder FPÖ-Obmann werden will.

Wenig Wunder: Gibt es doch kaum eine bequemere Position, als aus der ersten Reihe fußfrei zu keppeln. Und mit Susanne Riess-Passer und ihrem Regierungsteam sind Haider die Sündenböcke abhanden gekommen. Noch nach der Wien-Wahl hat Haider die Verluste nach seinem Einsatz nicht auf die nachlassende Strahlkraft des Wahlkämpfers Haider, sondern auf die trotz seiner guten Tipps falsche Regierungspolitik und die Parteichefin schieben können.

Auch wenn manche angesichts des aus dem Ruder gelaufenen FPÖ-Aufstands an den taktischen Qualitäten Haiders zweifeln mögen - so viel Taktiker ist er selbst in seiner angeschlagenen Position natürlich, dass er um die Risiken einer Wiederübernahme des Parteivorsitzes wusste. Blöd für ihn bloß, dass seine Fans und seine Opfer im Chor nach ihm riefen: die Fans, weil für sie nur "der Jörg" das Parteiheil bringen kann. Und die Opfer, weil sie sich jetzt aus der ersten Reihe fußfrei ansehen möchten, wie Haider die FPÖ nach dem von ihm angerichteten Kuddelmuddel auf die Siegerstraße zu bringen gedenkt.

So hat er sich nicht mehr aussuchen können, diesmal wieder ganz da zu sein. Immerhin, ein bisschen hat Haider für eine Wahlniederlage vorgebaut: Mit Herbert Haupt wurde ein Anti-Strahlemann als Spitzenkandidat positioniert, dem wohl nur eine Funktion zukommt: als Regierungsmitglied die Verantwortung für allfällige Verluste zu übernehmen. Ohne Sündenböcke kommt Haider eben nicht aus.

(DERSTANDARD, Printausgabe, 12.9.2002)
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