Abschiedssymphonie

11. September 2002, 19:19
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Haydn, die Regierungschefs der EU und die Irak-Frage - ein Kommentar von Josef Kirchengast

Es ist wie in Haydns Abschiedssymphonie. Einer nach dem anderen stehlen sich die Regierungschefs der EU aus dem Konzertstück davon, das ihre Außenminister vor zehn Tagen in Helsingör komponierten. Leitmotiv: Vorerst keine Unterstützung einer Militäraktion gegen den Irak; Bagdad soll via UNO dazu bewogen werden, die Waffeninspektoren ohne Auflagen ins Land zu lassen; gelingt das nicht, sieht man weiter.

Dass Großbritanniens Tony Blair schon kurz danach seinen Platz im europäischen Orchester verließ, hat niemanden überrascht. Inzwischen spielen aber auch der Spanier José María Aznar und Italiens Silvio Berlusconi eine Melodie, die mehr nach Stars and Stripes klingt: Beide schließen ein militärisches Vorgehen gegen Bagdad auch ohne UN-Mandat nicht mehr aus.

Da auch Frankreichs Jacques Chirac nach einer eigenen Partitur bläst (Ultimatum an Saddam Hussein), scheint der deutsche Kanzler Gerhard Schröder mit seinem kompromisslosen Nein zu einer Militäraktion als Solist übrig zu bleiben. Schröder steht vor einer Wahl, die allen Prognosen zufolge sehr knapp ausgehen wird. Ein Schwenk in der Irak-Frage könnte ihn den Sieg kosten und ist daher auszuschließen.

Wie groß die Prinzipientreue des Kanzlers ist, wird man sehen, wenn er am 22. September sein Amt erfolgreich verteidigt. Sollte Schröder danach trotz des wachsenden Drucks seitens der Alliierten standhaft bleiben, hätte er sich immerhin Respekt verdient - egal, wie man in der Sache selbst denkt. Sollte er - natürlich unter Hinweis auf geänderte Umstände - seinen Widerstand dagegen aufgeben, hätte sich dieser als Wahlkampfmanöver entpuppt.

Dann fiele dem verstummten Solisten nur noch die ehrenvolle Aufgabe zu, das Licht beim Verlassen des Orchesterraumes zu löschen, in dem die gemeinsame europäische Sicherheitspolitik so ungemein erfolgreich geprobt wurde. (DERSTANDARD, Printaugabe, 12.9.2002)

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