Aufsatzthemen für das Freiheitsfeuilleton

11. September 2002, 19:24
posten

Ein Sartre-Einakter im Theater Gruppe 80

Wien - Waren das noch Zeiten, als sich jeder bis in die schwarze Rollkragenpullover-Wolle gefärbte Existenzialist den entblößenden Blicken seiner übelwollenden Mitmenschen ausgesetzt sah. Mit der Sentenz von den "anderen", die für das Selbst "die Hölle" seien, hat Jean-Paul Sartres Gucklochdrama Geschlossene Gesellschaft in den metaphysischen Diätjahren der Nachkriegszeit eine Art Traumkarriere hingelegt: als Lehrstoff für untröstliche Subjekte.

Als Knäckebrot für alle Kellerbühnen, die sich einmal so richtig absurd fühlen und den Menschenrest zerbröseln durften. "Du bist zur Freiheit verdammt!", raunte der bis obenhin mit Heidegger und Husserl vollgestopfte Sartre vieldeutig - und alle fraßen sie ihm bereitwillig aus der reizbaren Marxistenpranke.

Heute, und daran ändert auch ein beherztes Schulfunkunternehmen im Theater Gruppe 80 nichts, ist Sartres Denkpaket, für das man ihm sogar die törichte Zurechtweisung des großen Albert Camus nachsieht, eine einzige, vieltausendseitige Fußnote. Heute reißt das Gesetz des Handelns an sich, wer sich den Blicken der anderen schamlos preisgibt: Der eigene Körper ist eben nicht bloß das Medium, hinter dem das geworfene Subjekt auf der Lauer liegt. Er ist die einzige Fläche, auf der Zuschreibungen überhaupt möglich sind.

Wie altmodisch und backfischhaft daher die keusche Pein, in der sich drei Hölleneinsitzer im Theater Gruppe 80 auf dem grauem Filzboden winden: ein kahler Herr von der Statur eines Bürstenvertreters (Alexander Lhotzky), eine Dame von der Statur einer fauchenden Grundschullehrerin (Gabriela Hütter), eine zweite Dame von der Statur einer Teeverkosterin (Ariane Payer), komplett mit einem Satz Reizwäsche unter dem Rühr-mich-nicht-an-Kostüm.

Man ist in der Hölle gestrandet. Man hat, weil dreieinig gestorben, alle Zeit der Welt füreinander und vor allem gegeneinander, und man spricht noch in Ewigkeitswörtern, mit denen Sartre jeden Konversationsfetzen zum Traktat umbiegt. Heute nennt man dergleichen "Diskurs". Regisseur und Ausstatter Klaus Fischer, der auch als Höllenplatzanweiser und Oberkellner im abgewohnten "Hotel Sartre" fungiert, buchstabiert seinen Autor vom Blatt: mit einem heiligen Ernst, dem vor seiner eigenen Beflissenheit eigentlich schaudern müsste.

Einzig in den Verführungsszenen zwischen Payer und Lhotzky blitzt der Boulevard auf: Feydeau für Aufsatzschreiber ("Diskutieren Sie Sartres Begriff der Hölle in Hinblick auf die Sexualhygiene!"). Als Lernhilfe ist diese trostlos naive Aufführung immerhin brauchbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2002)

Von Ronald Pohl
Share if you care.