Das Haus der Choleriker

11. September 2002, 18:49
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Konflikt im Rabenhof: Keine Verlängerung für Dramaturg Jochen Herdieckerhof

Wien - Nachdem das in Finanznöte geratene Theater im Rabenhof aufgrund einer zusätzlichen Förderung in der Höhe von 145.000 Euro kurzfristig aufatmen konnte, dringen nun weitere Konflikte an die Öffentlichkeit. Chefdramaturg Jochen Herdieckerhof verabschiedete sich am Mittwoch in einer Presseaussendung aus dem Rabenhof-Team: Intendant Karl Welunschek habe nun seine Ablösung "offenbar endgültig durchgesetzt". Dem dürften gröbere Auseinandersetzungen vorausgegangen sein:

Herdieckerhof, seit November 2001 gemeinsam mit Welunschek und Geschäftsführer Gernot Lechner für "Aufbau und Positionierung des Rabenhofs als ,Wiener Stadttheater'" zuständig, erwähnt sogar "körperliche Attacken auf meine Person". Er habe den Eindruck, "dass Welunschek sich durch meine Mitwirkung, die auf Betreiben des Geschäftsführers zustande kam, von Anbeginn gestört und in seinem Spielraum eingeschränkt gefühlt hat."

In der Tat schien das erste Jahresprogramm des Rabenhofs in ungewöhnlich hohem Ausmaß von Herdieckerhof geprägt, der zuvor schon mit Wien ist andersrum reüssiert hat: Chansonabende, Lesungen und Kleinkunstabende, die das Gros des Programms ausmachten, trugen deutlich seine Handschrift. Aber: "Entgegen meiner ursprünglichen Erwartungen habe ich (wie viele vor mir) die Erfahrung machen müssen, dass eine sachorientierte und wirkungsvolle Arbeit mit Karl Welunschek beim besten Willen nicht möglich ist" - obwohl dieser, so Herdieckerhof dem STANDARD gegenüber, bestenfalls ein "Intendantendarsteller" gewesen sei.

Welunschek hält dieser Darstellung im Gespräch mit dem STANDARD entgegen: Künstlerisch sei Herdieckerhof "hervorragend", darüber hinaus aber "amtsgeil" und "menschlich . . ." - nun, das muss hier nicht zitiert werden. Er jedenfalls habe Herdieckerhof nicht gekündigt: Dies liege ja in der Befugnis von Geschäftsführer Gernot Lechner, und außerdem sei die Kündigung nicht aus fachlichen, sondern aus ökonomischen Gründen erfolgt.

Lechner bezeichnet diese Darstellung Welunscheks als "falsch". Herdieckerhofs Vertrag, der im Dezember auslaufe, werde ausdrücklich auf Wunsch des Intendanten nicht verlängert: Von einer Kündigung könne aber nicht die Rede sein, und finanzielle Gründe hätten keine Rolle gespielt. Lechner: "Ich bedaure es außerordentlich, dass hier zwei künstlerische Temperamente auf Dauer nicht miteinander kommunizieren konnten. Und ich wäre froh, wenn ich die beiden noch einmal zusammen an einen Tisch bringen könnte."

Herdieckerhof habe nämlich "für den Rabenhof unschätzbare Arbeit geleistet". Es sei aber, so Lechner, an Theatern einfach üblich, dass Besetzungswünschen des Intendanten Folge zu leisten sei. Als Nachfolger für Herdieckerhof hat Welunschek nun den Regisseur und Autor Thomas Gratzer (Habsburg Recycling) vorgeschlagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2002)

Von Claus Philipp

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rabenhof.at

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