Wetterhexen werden modern

11. September 2002, 19:19
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Österreich entdeckt Derivate als Schutz vor Wetterkapriolen - Preisfestsetzung schwierig

Wien - Österreichs Investmentbanken und Unternehmen prüfen derzeit den Einsatz von Wetterderivaten zur Absicherung ihres Umsatzes. Weit gediehen ist das Projekt in der Volksbank Investmentbank bei Manfred Dirngrabner. Seit der Strommarktliberalisierung prüfen vor allem die Energieversorger - etwa die Grazer Stadtwerke - wie sie ihren Umsatz mittels Wetterderivat bei warmen und kalten Wintern, bei viel oder wenig Wassermenge, konstant halten, also "hedgen" können.

Dabei wird von historischen Wetterwerten als Basis ausgegangen. Übersteigt beispielsweise die Temperatur einen bestimmten Wert, dann bekommt der Sicherungsnehmer vom Sicherungsgeber einen bestimmten Betrag als Kompensation für die Umsatzeinbuße. Dafür zahlt er beim Erwerb des Derivates eine bestimmte Prämie. Schlägt die Temperatur nicht aus, dann hat der Sicherungsnehmer zwar die Prämie bezahlt - freut sich aber, dass keine Verluste entstanden sind.

Preisfestsetzung schwierig

Die Schwierigkeit bei diesen Produkten, die meist individuell zwischen Bank und Kunden vereinbart werden, ist die Preisfestsetzung. Ihr zugrunde liegt aber immer ein historischer Mittelwert der Wetterentwicklung. So wird auch der in Chikago notierte Weather Future auf Basis der Werte von acht Messstationen errechnet. Noch gilt das junge Produkt - der bankrotte US-Energiehändler Enron war 1996 Protagonist - als illiquid. In den USA wurden in den vergangenen fünf Jahren Wetterderivate im Volumen von rund 7,5 Mrd. Dollar abgeschlossen. In Europa schätzt Dirngrabner das Potenzial auf rund zwei Drittel dieses Marktes.

Von "starke Nachfrage" berichtet auch die HypoVereinsbank in München, wo ein Niederschlagsderivat an ein großes Fahrgeschäft beim Oktoberfest verkauft wurde. Im Unterschied zu einer Versicherung decken Derivate aber nicht einen entstandenen Schaden, sondern einen Verlust im Umsatzvolumen.

Innerhalb eines Jahres will die Volksbank Produkte im Energiesektor auf dem Markt haben. Wetterderivate seien auch für Landwirte - etwa in Regionen gebündelt - und alle anderen wettersensitiven Branchen einsetzbar. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 12.9.2002)

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