Nur bayerische Ekstase macht "Wiesn" möglich

11. September 2002, 17:40
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Psychologin analysierte auf 700 Seiten das Oktoberfest

München - Jetzt ist es wissenschaftlich erwiesen: Das wahre und echte Oktoberfest kann es nur in München geben, sonst nirgendwo auf der Welt. Zu diesem Schluss kommt die Psychologin Brigitte Veiz in ihrer 700 Seiten umfassenden Diplomarbeit über das größte Volksfest der Welt.

Der Grund für die geografische Bindung an München ist der "expressive Volksstamm" der Oberbayern. "In Hamburg oder Frankfurt wäre die Wiesn undenkbar", lautet ihre tiefenpsychologische Erkenntnis. Das Münchner Oktoberfest sei als dionysisches Fest der "rauschhaften, ekstatischen Verbrüderung" eine Art typisch bayerische Droge.

Einen Tag vor der Bundestagswahl (21. September) wird es in München zum 169. Mal "O’zapft is" heißen, nach den vorjährigen Besuchereinbrüchen wegen der Terroranschläge in den USA scheint die Vergnügungslust wieder voll da zu sein: Die Festzelte sind für alle 16 Wiesn-Tage restlos ausgebucht und nicht einmal der Preis von sechs Euro und 80 Cent für eine Maß Bier trübt die Vorfreude.

Bierseligkeit

München und Oktoberfest; diese beiden Begriffe stehen für das größte Traditionsvolksfest der Welt. Für die Besucher aus Amerika, Australien, Japan oder Italien geht es in den Bierburgen hauptsächlich um ausgelassenes Trinken, Singen und Tanzen. In ihren Stammzelten fühlen sie sich Abend für Abend wie zu Hause. Bierselige Geselligkeit ist das Höchste für diese Wiesn-Gäste und dazu kommt laut Psychologin Veiz ein Hauch von Erotik beim Anbandeln - solange der Kopf noch klar ist.

Für viele Einheimische ist das Fest immer noch eine Erinnerung an frühere Jugendzeiten. Denn es gibt noch nostalgische Fahrgeschäfte (Karusselle), die im Zeichen von Hightech und Internet wie Fossilien aus längst vergangenen Tagen wirken.

Die Festleitung, die Behörden, Wirte und Schausteller haben alles unternommen, damit das Oktoberfest friedlich abläuft. In den Bierhallen wachen Ordner, kritische Bereiche werden per Video kontrolliert, Zivilstreifen patrouillieren.

Eine logistische Schwerarbeit bei rund einer halben Million Menschen, die gleichzeitig auf einem 42 Hektar großen Platz feiern - nicht jeder nur einen Tag lang. Denn das Oktoberfest macht süchtig, schreibt die Psychologin Veiz. Und sie muss es wissen: Seit 1994 hat sie keinen Wiesn-Tag versäumt. (Nikolaus Dominik/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2002)

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    Der "expressive Volksstamm der Oberbayern" feiert

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