Tränen, Gebete, nationale Entschlossenheit

11. September 2002, 21:02
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Unbeeindruckt von den Terrorwarnungen gedenken die Amerikaner der Opfer des 11. September - Auf Ground Zero werden die Namen von 2801 Ermordeten verlesen

"Ein Tag für Tränen, ein Tag für Gebete, und ein Tag für nationale Entschlossenheit": Mit diesen Worten bezeichnete der amerikanische Präsident George W. Bush den Jahrestag der Terroristenattacken auf das World Trade Center und das Pentagon.

Obwohl die Terrorismus- Alarmstufe am Vorabend des 11. September 2002 aufgrund von "glaubwürdigen und spezifischen Bedrohungen" auf "hoch" hinaufgesetzt worden war und die Bevölkerung von den Behörden aufgefordert wurde, besonders wachsam zu sein, schienen die Amerikaner auch von düsteren Vorhersagen der Medien kaum beeindruckt und gedachten unbeirrt der Opfer der Terrorattacke, nach letzter Zählung insgesamt 3025.

Bereits kurz nach Mitternacht begannen sich "pipes and drums" (Dudelsackpfeifer und Trommler) aus allen fünf New Yorker Bezirken (Manhattan, Brooklyn, Bronx,- Queens und Staten Island) in Richtung Ground Zero in Bewegung zu setzen, wo laut den letzten Angaben der Behörden 2801 Personen ums Leben gekommen waren. Unterwegs ernteten sie Applaus von Hunderten New Yorker Passanten, die in der Nacht noch unterwegs waren.

"Going home"

Vor der Schweigeminute um 8.46 Uhr bildete sich ein Kreis von etwa 300 Musikern am Boden von Ground Zero - sie spielten "Going Home", die zu einem amerikanischen Volkslied gewordene Melodie des zweiten Satzes von Antonin Dvoráks Symphonie "Aus der Neuen Welt". Gleichzeitig sangen Chöre in 20 Zeitzonen rund um die Welt Zeilen aus Mozarts Requiem: "Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis."

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg hatte darauf bestanden, dass anlässlich des Gedenktages keine politischen Reden gehalten würden. So las der um Wiederwahl kämpfende Gouverneur George Pataki die "Gettysburg Address", eine berühmte Rede Abraham Lincolns im amerikanischen Bürgerkrieg, und nach einer ersten Schweigeminute um 8.46 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten Flugzeugattacke, wurden die Namen aller im World Trade Center umgekommenen Personen vorgelesen - den Anfang machte der populäre ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani.

Geheimer Ort

In Washington nahmen Präsident Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an einer Gedenkfeier für die bei der Attacke auf das Pentagon Umgekommenen teil. Vizepräsident Dick Cheney befindet sich aufgrund der gesteigerten Alarmstufe an einem geheim gehaltenen Ort - in Krisenzeiten, so will es das Gesetz, müssen Präsident und Vizepräsident voneinander getrennt werden.

Von Washington reiste Bush dann nach Shanksville in Pennsylvania, an den Ort, an dem Flug Nr. 93 abgestürzt war. Dabei würdigte er den Mut die dort ums Leben gekommenen Passagiere und der Crew, die durch Zivilcourage wahrscheinlich eine vierte Attacke auf ein größeres Gebäude abwenden hatten können. Die Maschine stürzte auf dem freien Feld in Pennsylvania ab. Bush und seine Frau Laura besuchten die provisorische Gedenkstätte für die 40 getöteten Passagiere und Besatzungsmitglieder nahe der Ortschaft Shanksville. Dabei trug ein Chor von Hinterbliebenen die US-Bürgerkriegshymne "Battle Hymn of the Republic" vor.

Als einer der Höhepunkte des Gedenkens galt eine weitere Zeremonie am Ground Zero am Nachmittag mit dem Präsidenten.

Die meisten amerikanischen Fernsehstationen hatten größtenteils auf lukrative Werbespots und auf ihre regulären Programme verzichtet und berichten bis zu 18 Stunden über die Ereignisse des Tages. Eine Kabelstation, A&E, Arts and Entertainment, entschloss sich dazu, zwischen 8.46 Uhr und 10.29, als der zweite Turm des World Trade Centers einstürzte, das Programm auf ganz spezielle Weise zu gestalten: Nur die Namen der Opfer waren auf dem Fernsehschirm zu sehen.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan sagte unterdessen in New York, der Weltsicherheitsrat sollte eine zentrale Rolle im Kampf gegen den internationalen Terrorismus einnehmen. "Die Vereinten Nationen wurden gegründet, um nachfolgende Generationen vor der Geisel des Krieges zu bewahren", erklärte er am Mittwoch in einer Ministerrunde im Sicherheitsrat. Derzeit gelte es einen Feind zu schlagen, der das gesamte Gerüst internationaler Zusammenarbeit zu zerstören suche.(DERSTANDARD, Printausgabe, 12.9.2002/APA/red)

Susi Schneider aus New York
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Familienangehörige der Getöteten legen Blumen auf den staubigen Ground Zero

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