Mut zum "Verkauf"

11. September 2002, 18:04
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Anzahl der Bären an der Wall Street nimmt zu: US-Analysten raten häufiger zum "Verkauf"

New York/Wien – Noch vor wenigen Monaten wagte kaum ein Analyst in den USA die gefürchtete Empfehlung „verkaufen“ auszusprechen. Die Anzahl der Bären an der Wall Street hat jedoch in den vergangenen Wochen zugenommen. Seit die Broker-Häuser von der US-Börsenaufsicht SEC dazu verpflichtet wurden, ihre Aktienempfehlungen prozentuell in „kaufen“, „verkaufen“ und „halten“ aufzuschlüsseln – die Regelung gilt seit Montag – wird immer häufiger zum Verkauf geraten.

Die meisten Verkaufs-Empfehlungen weist dabei das Broker-Haus Lehman Brothers auf. 28 Prozent der vom Unternehmen beobachteten Aktien werden zum Verkauf empfohlen. Bemerkenswert ist dabei auch, dass 39 Prozent Papiere von Unternehmen betreffen, die von Investementbanking-Abteilung der Firma betreut werden. Auch die Broker-Firmen Bear Stearns, Salomon Smith Barneys, Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston weisen bis zu 20 Verkaufsempfehlungen unter den von ihnen analysierten Aktien aus. Beobachter sehen in der jüngsten Statistik eine Tendenz zur zunehmenden Unabhängigkeit der Analysten.

Bullen sterben nicht aus

Aber auch die Bullen sind nicht ausgestorben. Goldman Sachs, UBS Warburg und J.P. Morgan Chase empfehlen 50 Prozent der von ihnen beobachteten Papiere zum Kauf.

Die Praktiken der Analysten an der New Yorker Wall Street werden in den USA schon seit längerem vom Kongress und Justiz unter die Lupe genommen. Die Investmentbank Merrill Lynch hatte sich im Mai mit dem Justizminister des Bundesstaates New York, Elliot Spitzer, auf eine Strafzahlung von 100 Mill. Dollar geeinigt. Spitzer hatte herausgefunden, dass Analysten der Bank Aktien zum Kauf empfohlen hatten, obwohl die Papiere in internen Vermerken sehr schlecht beurteilt wurden. Bei den Investmentbanken geraten die Analysten häufig in Interessenkonflikte, weil sie einerseits objektiv den Markt beobachten sollen, andererseits ihre Bank mit den zu begutachtenden Unternehmen Geschäfte machen will. (red)

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    In den USA nehmen Verkaufsempfehlungen zu.

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