"Süddeutsche Zeitung": Gusenbauer zum Jahreswechsel Kanzler?

11. September 2002, 15:59
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München/Wien - Nach dem Scheitern der schwarz-blauen Koalition sei der Anspruch des SPÖ-Vorsitzenden und Oppositionsführers Alfred Gusenbauer, als Kanzlerkandidat in den Nationalratswahlkampf zu ziehen, schon aus Zeitgründen unumstritten, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" (Mittwoch-Ausgabe) in einem "Profil" des Chefs der österreichischen Sozialdemokratie. Die im Jahr 2000 schwer gedemütigte SPÖ gebe sich heute zwar wieder "recht selbstbewusst, der Wiederaufbau der nach Jahrzehnten der Machtausübung ausgelaugten Partei dauert aber freilich noch an. Und Gusenbauer ist klug genug zu wissen, dass neue Regierungsverantwortung nach so kurzer Oppositionszeit für die SPÖ mehr als eine Herausforderung wäre, zumal wenn es zu einem Bündnis mit den Grünen käme."

"Müsste Alfred Gusenbauer seinem Erzfeind Jörg Haider nicht gar dankbar sein?" Mit den durch ihn provozierten Neuwahlen habe der Kärntner Landeshauptmann "eine unangenehme Personaldebatte bei den Sozialdemokraten schlagartig erledigt. Manche hätten gerne den populären Wiener Bürgermeister Michael Häupl an die Spitze geschoben. Dass Gusenbauer nicht genug Charisma habe, nörgelten Medien und Parteifreunde. Warum nur wirke ein so intelligenter und beredsamer Mensch, der im Gegensatz zum derzeitigen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auch richtig Humor habe, so wenig übers Fernsehen? In Österreich wird viel mehr nach persönlicher Sympathie gewählt als etwa in Deutschland. In zwei Monaten schon wird darüber entschieden, ob die so genannte Wende schon wieder gewendet wird. Zum Jahreswechsel könnte Gusenbauer schon Bundeskanzler der Republik Österreich sein."

"Als Viktor Klima dem Kanzleramt und dem SPÖ-Vorsitz entfloh, stolperte der jetzt 42-jährige Niederösterreicher als dessen Nachfolger binnen weniger Wochen aus dem Mittelfeld der Funktionäre an die Spitze der Partei. Er überholte die Riege gravitätischer Diadochen, aber die Öffentlichkeit erinnerte sich seiner kaum, allenfalls als eines hartleibigen Jungsozialisten mit provokanten Einfällen: In Papstpose küsste er einst gar den Boden Moskaus, was ihm die bürgerliche Rechte heute noch als sein einzig wahrhaftiges Bekenntnis auszulegen versucht. Der Mann hatte die Jahre im Hintergrund rastlos Basis- und Kärrnerarbeit geleistet. Große Anfangshoffnungen, der durchaus geistvolle Weinliebhaber möge doch die sehr traditionsgebundene Basis mit den moderneren, intellektuelleren Reformkreisen der Sozialdemokratie versöhnen, sind noch nicht ganz verflogen. Aber spontanes Feuer ist wohl nicht seine Sache."

Auf eine rot-grüne Perspektive wolle sich der SPÖ-Chef keineswegs festlegen. "Selbst die Frage, ob er denn je mit dem FPÖ-Steigbügelhalter Schüssel zusammenarbeiten könne, umgeht der Mann diplomatisch: Laufe es auf eine neue große Koalition aus SPÖ und ÖVP hinaus, dann glaube er nicht, dass ihm die Volkspartei den Wendekanzler als Verhandlungspartner präsentieren werde. Nur eines ist ihm klar: Eine Wiederaufnahme der alten Koalition von vor 1999 darf es in Stil und Inhalt nicht geben. Denn die steckt vielen Österreichern noch wie Blei in den Knochen..."(APA)

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