Medienexperte: "Zu viel Heldenrhetorik"

11. September 2002, 15:57
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Wissenschafter kritisiert "ritualisierte Berichterstattung" - Grenzen zu Voyeurismus fließend

Hamburg - Der Medienexperte Hans J. Kleinsteuber hat "zu viel ritualisierte Berichterstattung" über das einjährige Gedenken an die Anschläge in den USA beklagt. "Die Bilder werden zu rummelig vermarktet, was im Endeffekt zur Übersättigung führt. Es gibt auch zu viel Heldenrhetorik, was nur der Verklärung dient", kritisierte Kleinsteuber, Professor für Politikwissenschaft in Hamburg und Autor von Büchern über das Fernsehen, in einem dpa-Gespräch am Mittwoch.

Die "Heldenverehrung" ziele primär auf Unterhaltung ab. "Das ist das Bindeglied des 11. September zur Prominenten- und Sensationsberichterstattung." Der Wissenschaftler räumte jedoch ein, dass er selbst "gespalten" sei. "Wenn ich den Fernseher anmache, ertappe ich mich, wie ich von den Bildern fasziniert bin."

In der Berichterstattung seien die Grenzen zum Voyeurismus oft fließend. Für fragwürdig hält Kleinsteuber, wenn zum Beispiel Bilder mit den Menschen gezeigt werden, die vom World Trade Center in den Tod gesprungen sind. Der Tod und das Leid dürfe jedoch nicht ausgespart werden. "Wir sehen jeden Tag Bilder mit Bürgerkriegsopfern aus armen Ländern. Wieso sollen also nicht Bilder mit Toten aus einer reichen Stadt wie New York gezeigt werden?" (APA/dpa)

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