Spinnen und Webmaster sind Seelenverwandte

12. September 2002, 12:48
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Die Cover der O'Reilly Computerbücher sagen mehr aus als Viele denken - wenn man die Fantasie spielen lässt

Jeder der sich schon einmal ein Buch über Programmiersprachen gekauft hat, ist wohl über die Ausgaben des O'Reilly-Verlags gestolpert. Die Bücher sind längst Kult und zählen nicht nur wegen ihrer Qualität zu den Standard-Werken in der IT-Welt, auch die liebevolle Gestaltung sticht ins Auge. Doch warum ziert ein pfauähnlicher Vogel das Cover von Windows XP, ein rebellischer Hengst Linux und eine Spinne die Webmaster-Bücher?

"Sie pflegen ihre Netze"

O'Reilly-Chefgrafikerin Edie Freedman gibt in einem Interview mit dem Spiegel Auskunft über Motive und Assiozationen der kunstvoll gestalteten Buch-Umschläge. Leser die über ausreichend Fantasie verfügen haben in den meisten Fällen die Geheimnisse bereits gelüftet, doch nicht alles ist durch Logik erklärbar.

Warum Spinnen das Cover von "Webmaster in a Nutshell" zieren, ist schnell erklärt: "Spinnen und Webmaster sind Seelenverwandte - sie verbindet, dass sie Netze in Ordnung halten", so Freedman. Allerdings weiß die Grafikerin auch von Kunden, die das Cover mit einem Plastikumschlag verhüllen und jede Spinnenillustration im Buch mit einem weißen Streifen überkleben. Regelmäßig gibt es Beschwerden von Menschen mit Tierphobien sei es nun wegen Schlangen oder Insekten.

Jedem Buch sein Tier

Rund 500 Computerbücher sind derzeit im Angebot des kalifornischen Verlages und jedes hat sein Tier. Früher wurden für die Umschlagbilder Holzschnitte aus den vorigen Jahrhunderten gewählt. Da frei zugängliche Tierstiche aber immer seltener werden, wurde bei O'Reilly eine eigene Designabteilung ins Leben gerufen.

Tiere als Sinnbilder

Die Erfolgsgeschichte begann Ende der 80er Jahre, als Verleger Tim O'Reilly nach einem neuen Layout für seine erfolgreiche Ratgeberreihe "In a Nutshell" suchte. Für Edie Freedmann klangen Buchtitel "sed & awk" oder "yacc" wie Namen für Fantasy-Figuren. Bei ihrer Suche nach geeigneten Bilder stieß die Grafikerin auf Holzstiche aus dem 19. Jahrhundert. "Die seltsamen Tiere schienen mir perfekt zu diesen merkwürdig klingenden UNIX-Ausdrücken zu passen", so Freedmann im Spiegel-Interview. Als Sie dem O'Reilly-Team ihre Entwürfe vorlegte wurden diese einstimmig abgelehnt: "Die sind hässlich und unheimlich, niemand wird die Bücher in die Hand nehmen!"

Der Verleger war überzeugt

Doch für Verleger Tim O'Reilly passte das Layout perfekt und so startete das ungewöhnliche Projekt. Mittlerweile werden viele Tierstiche mit der Hand eigens für die Bücher angefertigt. Laut Freedmann kann ein Tierstich rund 20 Stunden Arbeit bedeuten.

Das "Kamel-Buch"

Der erste Klassiker des Verlags wurde das Buch "Programmieren mit Perl" das in Insiderkreisen nur noch als "Kamel-Buch" tituliert wird. In einer langen E-Mail-Diskussion fanden Tim O'Reilly und Larry Wall, Perl-Entwickler und Autor des Buches, das passende "Cover-Tier" - das Kamel. Die Begründung war einfach: Die Programmiersprache Perl kann lange Strecken zurücklegen, ohne dass man sich um sie kümmern muss - wie ein Kamel in der Wüste.

Kobra, Wiesel, Maki und Fledermaus

Die Kobra stand Pate für Dreamwaver. Die Assoziation war ein Schlangenbeschwörer, der mit seiner Flötenmelodie das Reptil aus dem Korb lockt. Für "Webdesign in a Nutshell" wurde das Wiesel als Cover-Tier auserkoren. Der wahre Hintergrund bleibt den Anwender allerdings diesmal verschlossen: Das Wiesel wurde nämlich deshalb gewählt, weil die Autorin des Buches, Jennifer Niederst, von ihrem Vater als Kind "Wiesel" genannt wurde.

"Sendmail"-Taube ist eine Fledermaus

Für das Buch "Sendmail" war ursprünglich - man möchte sagen logischerweise - die Taube vorgesehen; doch in diesem Fall hatte der Buchautor zur Zeit der Lay-out-Phase gerade erhebliche Probleme mit brütenden Tauben auf seinem Dachstuhl und lehnte die Vorschläge ab. Als Ersatz wählte man dann gemeinsam die Fledermaus.

Tim O'Reilly als Maki

Das erste Cover das Freedmann gestaltete, war der Koboldmaki beim "vi-Editor". Da "vi" für Visuell steht war für die Grafikerin klar, dass der großäugige Koboldmaki das ideale Covertier wäre. Ein weiterer Grund der allerdings nur als Witz in O'Reilly-Kreisen kursiert, ist dass manche Leute der Meinung sind, dass Verleger Tim O'Reilly mit Brille gewisse Ähnlichkeiten mit einem Koboldmaki hat.

Linux als störrischer Gaul?

Bei anderen Titeln der Reihe sind die wahren Hintergründe nicht bekannt und die Meinungen der User schwanken sehr stark. So sehen einige in dem galoppierenden Pferd auf dem Cover eines Linux-Buches den unzähmbaren Freiheitsdrang von Open Source während Gegner eher einen störrischen Gaul erblicken wollen. Auch der Pfau auf einigen Büchern über Microsoft Programmiersprachen ist für einige als schillernder Star der Szene oder als überheblicher Einzelgänger zu deuten - wirklich wissen kann es allerdings wohl kein Außenstehender wirklich.

Tierschutz

Mittlerweile wurde aus der Cover-Idee ein starkes Engagement des O'Reilly-Verlags in Sachen Tierschutz. Der deutsche Ableger des amerikanischen Verlages übernimmt zum Beispiel jedes Jahr die Patenschaft für ein Tier des Kölner Zoos. In diesem Jahr wurde ein blauer Kakadu auserwählt. Um auch unter den Lesern ein Verständnis für diese Materie zu schaffen, werden die Klappentexte der Computerbücher von Biologen geschrieben, die über die Lebensweise der abgebildeten Tiere informieren.(red)

  • Artikelbild
    foto: o'reilly
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