Zwischen Avantgarde und Propaganda

11. September 2002, 19:57
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Sowjetische Fotografie der zwanziger und dreißiger Jahre im Wiener Historischen Museum

Wien - Sowjetische Fotografie aus den zwanziger und dreißiger Jahren ist im Historischen Museum der Stadt Wien zu sehen. "Es handelt sich um die bedeutendste Periode der russischen Fotografie", sagt Olga Sviblowa, die Direktorin des Moskauer Hauses der Fotografie. "Normalerweise spricht man dabei nur von einem Namen: Alexander Rodtschenko. Aber hier versuchen wir zum ersten Mal mit zehn Künstlern einen breiten Überblick darüber zu geben, was in dieser Zeit alles passiert ist."

In Moskau gastierte das Historische Museum im Vorjahr mit Fotos aus den eigenen Sammlungen; nun folgt der Gegenbesuch mit 280 Originalfotos, die einen Einblick geben in das zwiespältige Verhältnis zwischen Avantgarde und Propaganda, dem sich die Künstler dieser Zeit ausgesetzt sahen.

"Neues Sehen"

Die Ausstellung versucht den Weg der sowjetischen Fotografie "von Piktorialismus und Modernismus zum Sozialistischen Realismus" (so der Untertitel) nachzuzeichnen. Formal teilweise noch dem 19. Jahrhundert verhaftet - wie etwa Alexander Grinberg oder Nikolai Andrejew -, auf der anderen Seite bereits mit den speziellen Eigenheiten des neuen Mediums experimentierend - wie etwa Alexander Rodtschenko oder Max Penson -, gerieten die Fotografen in ihrer Arbeit häufig in Konflikt mit den zunehmend restriktiven Ansprüchen der Partei. Lenin erkannte schon früh die Bedeutung der Fotografie als Propagandainstrument in einem Land mit einer Analphabetenrate von 70 Prozent. Stalin dekretierte 1934 den "Sozialistischen Realismus" zur einzig anerkannten Kunstform - auch die Fotografie hatte dazu ihren Beitrag zu leisten.

Massenszenen und Motive des Arbeiteralltags sind immer wieder auf den Fotos zu sehen, die teilweise völlig unterschiedliche Herangehensweisen auf die dokumentarischen Sujets zeigen. Stellte Andrejew (1882-1947) die Genrebilder der klassischen Landschaftsmalerei nach und übermalte seine Fotos teilweise mit Ölfarben, so beherrschen extreme Details, ungewöhnliche Perspektiven und harte Kontraste die Arbeit von Rodtschenko (1891-1956). Dieses "Neue Sehen" wurde zum wesentlichen Bestandteil des "fotografischen Konstruktivismus". "Wir müssen unser optisches Erkennen revolutionieren, den Schleier von unseren Augen reißen, der vom Nebel aus wirkt", schrieb Rodtschenko.

Nicht nur die Anhänger der alten, "bourgeoisen" Kunsttechniken sahen sich immer stärker Anfeindungen des Regimes ausgesetzt (so wurde Grinberg als "Pornograf" in ein Arbeitslager verbannt), auch die Avantgardisten gerieten zunehmend unter "Formalismus"-Verdacht. 1942 gab Rodtschenko das Fotografieren endgültig auf. Trotz der Restriktionen gilt die Zeit als künstlerisch ungemein produktive Periode. Die Ausstellung, die bis 20. Oktober zu sehen ist, gibt einen guten Eindruck in die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Tendenzen. (APA)

"Sowjetische Fotografie der 1920er-/1930er-Jahre", Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien, 12.9. bis 20.10., Di-So, 9-18 Uhr

Link

museum.vienna.at
  • Alexander Grinberg: 
Orientalischer Tanz, 1926
    foto: hmsw/haus der fotografie moskau

    Alexander Grinberg: Orientalischer Tanz, 1926

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