Ist Österreich ein Weiterbildungsland?

11. September 2002, 13:47
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Sechs von zehn Berufstätigen sind bereit, Seminare und Kurse zu besuchen, doch die besten Voraussetzungen finden sie nicht vor - Unternehmer unterstützen die Mitarbeiter nur wenig, und Weiterbildung ist teuer

Jobverlust, Arbeitsfrust oder der Wunsch, rascher Karriere zu machen - die Motive für berufliche Weiterbildung sind vielfältig. Sechs von zehn Berufstätigen in Österreich sind bildungsaktiv; Männer etwas häufiger als Frauen. Der gesamte Weiterbildungssektor hat inzwischen ein Marktvolumen von rund 1,67 Milliarden Euro.

Mehr als 300 Euro gibt jeder Bildungsaktive pro Jahr für seine persönliche Schulung aus. Nicht eingerechnet die Kosten für Fachliteratur. Rund 60 Prozent sagen, sich über Fachbücher und einschlägige Zeitschriften zu informieren, 67 Prozent besuchen Weiterbildungskurse, Workshops und Tagungen. Insgesamt geben Österreichs Erwerbstätige fast 500 Millionen Euro pro Jahr für Weiterbildung aus.

Besonders gefragt: EDV- und Sprachkurse

Im Spitzenfeld liegen nach wie vor EDV-Schulungen und der Erwerb beziehungsweise die Verbesserung von Sprachkenntnissen (siehe Grafik). In den vergangenen Jahren ist aber auch ein stetiger, nicht unwesentlicher Anstieg im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung zu verzeichnen. Ebenso ist ein Trend zu neuen Lernformen wie dem E-Learning festzustellen.

Kosten sind enorm gestiegen

Laut Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpel ist dennoch nur jeder zehnte Arbeitnehmer Österreichs in der Lage, sich auf eigene Kosten weiterzubilden. Die Kosten für Weiterbildungskurse in den vergangenen 15 Jahren seien "explosionsartig" um mehr als 200 Prozent gestiegen, heißt es in AK-Studien. Verantwortlich sei das verstärkte Angebot teurer PC-Kurse. Die Unternehmen würden Weiterbildungswillige zu wenig unterstützen.

Betriebliche Weiterbildung

Nur ein Drittel der Arbeitnehmer Österreichs können sich auf Kosten ihrer Firma weiterbilden. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern liegt Österreich bei der Finanzierung der betrieblichen Weiterbildung auch nur im Mittelfeld. Allerdings geben lediglich Länder wie Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Tschechien und andere osteuropäische Staaten weniger dafür aus. In Dänemark, Norwegen und in den Niederlanden wird fast dreimal so viel aufgewendet wie in Österreich.

Die Veranstalter

Der größte Schulungsveranstalter ist zweifellos das Arbeitsmarktservice, das 60 Prozent seines Gesamtbudgets für Weiterbildungen aufwendet. Mit über 400.000 Arbeitslosenschulungen und mehr als 352 Millionen Euro Schulungskosten im vergangenen Jahr steht diese Einrichtung an der Spitze. Die Kosten dafür trägt freilich der Einzelne nur indirekt über die Arbeitslosenversicherung.

Mehr als die Hälfte aller Kurse für Berufstätige werden mittelbar oder unmittelbar von der Wirtschaft veranstaltet. Allen voran vom Wirtschaftsförderungsinstitut (Wifi), gefolgt von Volkshochschulen und dem Berufsförderungsinstitut (bfi). Allein im Wifi Wien lernten 2001 rund 50.000 Angestellte und Unternehmer; jeder zahlte im Schnitt 390 Euro. Das bfi Wien bot rund 1600 Kurse für 14.000 Teilnehmer, die insgesamt 4,4 Millionen Euro aufwandten. Etwa 19 Prozent der Weiterbildungswilligen wenden sich allerdings bereits an private Anbieter.

Junge Unternehmen bilden weiter

Einen großen Bedarf an Training und Beratung sehen die Autoren des letzten Berufsbildungsberichtes des Wirtschaftsministeriums (1999) im Bereich junger Unternehmen. Demnach geben über 60 Prozent der befragten Unternehmerinnen und Unternehmer mit bis zu fünf Jahren Geschäftstätigkeit an, Weiterbildungsmaßnahmen durchgeführt oder finanziert zu haben. Fachliches Wissen, Verkaufstraining sowie EDV, Recht, Steuern und betriebswirtschaftliche Themen standen dabei im Vordergrund. (Astrid Zimmermann/DER STANDARD, Printausgabe)

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