In der Provinz und an der Provinz gescheitert

11. September 2002, 11:03
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Die FPÖ und das Knittelfeld-Syndrom - ein Kommentar der anderen von Peter Huemer

Knittelfeld: Das war zunächst die Entmachtung einer Parteichefin, indem sie in ein Korsett interner Kommissionen gezwängt werden sollte, das ihr die Luft genommen hätte. Zugleich aber viel mehr: der Bruch der Koalition in den Kernfragen der EU-Erweiterung und der Steuerreform.

Überraschend kam das Scheitern der so genannten Wende nicht. Im STANDARD hat es Hans Rauscher immer wieder vorausgesagt und den Widersinn des Experiments dargestellt. Was sehr wohl überrascht hat, waren einige Absurditäten, denen sich der politische Beobachter in letzter Zeit ausgesetzt sah. Zum Beispiel: Wer die FPÖ wirklich verabscheut, musste in der vergangenen Woche für Ewald Stadler sein. Ausgerechnet für ihn! Denn gerade er scheint ein Garant dafür zu sein, dass die FPÖ endlich wieder zu den eigenen Wurzeln zurückfindet, in die Bierzelte, wo ihr Aufstieg begonnen hat. Gleichzeitig waren wir aber auch "ganz bei" Peter Westenthaler, wenn er Stadlers Verknüpfung von Amt und politischer Tätigkeit als unerträglich bezeichnet und dem Volksanwalt den Rücktritt nahe gelegt hat. Alles, was sie in den letzten Tagen übereinander gesagt haben, haben wir uns schon lange gedacht und können es nur unterstreichen.

Wo lebt Schüssel?

Und Jörg Haider? Es ist offensichtlich, dass ihm in der Vorwoche das Spiel entglitten ist, dass er weder den von ihm initiierten Parteitag noch den Rücktritt der Obfrau wirklich wollte, weil damit für ihn politisch nichts zu gewinnen ist. Doch am Ende war die lostrampelnde Herde, verwirrt vom ständigen Hü und Hott, nicht mehr zu stoppen, nicht einmal vom eigenen Hirten.

Ist die Politik in Österreich damit um eine Option ärmer? Nicht wirklich. Der Versuch, die FPÖ zu "zähmen", hatte nie eine Chance - schon damals nicht, als Kreisky ihn unternahm und Sinowatz exekutieren musste. Der so genannte liberale Flügel der FPÖ war allerhöchstens ein Flügerl, und dieses Flügerl hat sich mit Heide Schmidt von der Partei verabschiedet.

Was bleibt, ist die FPÖ. Und die FPÖ ist die FPÖ ist die FPÖ, hätte Gertrude Stein gesagt. Wenn Wolfgang Schüssel unverdrossen erklärt, dass er auch beim nächsten Mal mit einer aufgeklärten, toleranten, europaorientierten FPÖ koalieren wolle, fragt sich ernsthaft, wo der Mann lebt.

Wo sucht er diese Partei? Bei uns? Die gemachte Erfahrung reicht nicht?

Es ist vielleicht kein Zufall, dass "es" in Knittelfeld passiert ist. Diese Regierung kam aus der Provinz, und sie ist in der Provinz und an der Provinz gescheitert. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2002)

Peter Huemer ist Historiker und Publizist in Wien
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