Die Bilder verbieten Fragen

10. September 2002, 20:35
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Aber die Bilanz eines Jahres "Krieg gegen den Terror" fällt ernüchternd aus

"Der Grund für Terrorismus sind Terroristen", schrieb Benjamin Netanyahu einmal. In den Wochen nach dem 11. September 2001 waren die am häufigsten aufgesuchten Internetseiten solche, die etwas mit Nostradamus zu tun hatten. Und im ganzen großen Raum dazwischen bewegt sich das Denken und Fühlen, das uns jetzt, zum ersten Jahrestag, im öffentlichen Erinnerungsraum präsentiert wird. Irgendwo in der Mitte findet man einen Sektor, in dem die Geschehnisse von damals aufgebrochen und in verschiedene Aspekte unterteilt werden.

Aber am stärksten bleiben die Bilder. Solange sie laufen - und das werden sie heute den ganzen Tag -, haben Fragen keinen Platz. Immerhin hatten wir aber dafür das Jahr dazwischen.

Wenn wir den Raum des Erinnerns verlassen, ist die Bilanz ernüchternd. Auf den vielfachen grausamen, feigen Mord folgte der von teilweise religiöser Rhetorik unterstützte "Krieg gegen den Terror". Aber es wurde eben doch nur ein Krieg gegen Terroristen daraus - gegen Al-Qa'ida, Taliban und ihre entferntesten Assoziierten -, und da gab es im Netanyahuschen Sinne bestimmt einige Erfolge.

Der Untergrund, auf dem Terroristen gedeihen, wurde während dieses Jahres jedoch eher größer als kleiner. Repression gegen politisch Missliebige in aller Welt hat den Antiterrorkrieg in Geiselhaft genommen, die Marginalisierung von anfälligen Gruppen ist größer geworden.

Und dass "der Terrorist" schlechthin, Osama Bin Laden, nicht gefasst und nicht nachweislich getötet wurde, hat Folgen für den gesamten politischen Diskurs - mit dem Rückgriff auf Osamas "Bruder", Saddam Hussein. Die beiden, die ideologisch aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, werden in einem Kraftakt der symbolischen Überkodierung vereint.

Sie sind beide Feinde der "Freiheit", sie wollen beide "den Westen zerstören". Die Meldung der Sunday Times, dass Al-Qa'ida mit den gekaperten Flugzeugen ursprünglich einen Angriff auf US-Nuklearanlagen geplant hatte, dies aber verworfen wurde, weil man befürchtete, die Situation würde außer Kontrolle geraten, lässt nur ganz kurz innehalten (abgesehen davon, dass sie ja - wie so viele andere - nicht stimmen muss): ein Bin Laden, der sich für ein weniger zerstörerisches Szenario als möglich entscheidet? Das geht nicht, es ist jetzt schon unerträglich genug, wie unbekannt der Feind, seine Motivation und sein Ziel sind.

Dass die Entscheidung für die maximale Feindvariante nicht hinterfragt wird, ist auch an der Irak-Debatte zu erkennen, als Beispiel ein Interview mit Condoleezza Rice am Sonntag in CNN: Als sie irakische Atomangriffe - inklusive Atompilz - auf US-Territorium ausmalt, macht der Journalist große Augen - fragt aber die Sicherheitsberaterin von George Bush nicht, wie das eigentlich gehen sollte: ohne Atombombe und mit Mittelstreckenraketen? Die Frage, zu welchem Zwecke ein Saddam das tun sollte - der anders als ein Djihadist vom Schlage Bin Ladens sehr viel Irdisches zu verlieren hat -, wird schon gar nicht gestellt. Das Böse schlechthin braucht keine Gründe.

Und wer würde sich nach dem 11. September 2001 überhaupt noch trauen auszuschließen, dass etwas eintreffen kann - abgesehen davon, dass für allzu kritische Fragen der Ausschluss aus dem Kreis der Guten droht?

Dafür oder dagegen, lautete die Frage, die der US-Präsident nach 9/11 an die Welt stellte. Das war nicht immer leicht zu verkraften. Ende Mai verfolgten diejenigen, die einen plausibel argumentierten Krieg gegen Afghanistan mit seinen vielen zivilen Opfern gerade noch vertretbar gefunden hatten, dass die Staatschefs von Turkmenistan, Pakistan und des neuen Afghanistan in Islamabad eben jenes Pipelineprojekt der amerikanischen Unocal unterschrieben, das der Grund für die jahrelange US-Duldung der Taliban gewesen war, von denen sich Washington Stabilität in Afghanistan erhofft hatte.

In dieser Beziehung hat sich der Kreis geschlossen. In jeder anderen ist er völlig offen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2002)

Gudrun Harrer
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