... könnte es sein, dass Sie so denken, sehr geehrter Mr. President?

10. September 2002, 20:29
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Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger an George W. Bush: Offener Brief eines notorischen Amerika-Freundes

Lieber Herr Präsident Bush, ich bin ein notorischer USA-Reisender, ein US-Freak, wie man bei uns sagt. Alle meine Aufenthalte zusammen genommen, habe ich bislang vier Jahre meines Lebens in Ihrem Land verbracht. Von den 50 US-Staaten habe ich nur drei nicht kennen gelernt: Alaska, Hawaii und Oklahoma. Ich werde sie noch kennen lernen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass mir irgendetwas die Liebe zu Ihrem Land wieder austreiben kann. Auch nicht Ihre Politik.

Diese Liebe war nicht von Anfang an da. Sie ist langsam, gegen den Widerstand meiner Vorurteile, gewachsen. Vorurteile sind nicht wie eine Mauer, die man einmal durchbricht, und schon hat man den freien Blick vor sich, sondern sie sind wie die elastische Bespannung eines Trampolins. Je stärker man sich dagegen wirft, desto größer wird die Kraft des Rückstoßes. Auch wenn es ein weit verbreiteter Irrtum ist, Vorurteile wird man nicht los, indem man darüber spricht. Vorurteile wird man los, indem man sich nicht mehr mit ihnen beschäftigt. Sie müssen sich gleichsam selbst verlieren. Man merkt das nicht gleich. Aber im Rückblick mag einem auffallen, dass man einmal ganz anders gedacht hat.

So ging es mir mit meinem Antiamerikanismus, und es schien mir in den letzten Jahren, als wäre dies nicht nur eine persönliche Veränderung, sondern ein allgemeiner europäischer Trend geworden.

Meinen Antiamerikanismus, sehr geehrter Herr Präsident, musste ich mir nicht selbst züchten. Er war bei allen Orientierungsangeboten für kritische Jugendliche entweder gleich als Herzstück oder zumindest als Extrabeigabe enthalten. In der Musik, in der Kunst, in der politischen Theorie, sogar in der Religion, überall stieß man auf ihn. Mag sein, dass er ein linkes Mäntlein trug, aber dieses Mäntlein war immerhin so schick, dass es selbst in der katholischen Jugendbewegung akzeptiert wurde.

In meiner Generation war man nicht mit dieser oder jener Politik in den USA nicht einverstanden, nein, man war gegen die USA. Denn die USA, so legt es das Vorurteil meiner Generation nahe, streben nach der alleinigen Weltherrschaft und sind bereit, für dieses Ziel Grausamkeiten und Menschenrechtsverletzungen aller Art in Kauf zu nehmen. Der Vietnam-Krieg, der Militärputsch in Chile und die gegen den Widerstand der europäischen Friedensbewegung durchgeführte Nato-Nachrüstung waren markante Stationen in der aktiven Aufbauarbeit unserer Vorurteile.

Rückblickend würde ich die USA nicht kriegstreiberisch nennen, sondern würde mich mit der Feststellung begnügen, dass die internationale Friedensbewegung die Nato-Nachrüstung leider nicht hat verhindern können. Aber selbst das "leider" macht mir mittlerweile Probleme. Denn der tatsächliche Ausgang des Kalten Krieges war gleichzeitig der beste.

Es könnte ja sein, dass die Nato-Nachrüstung am Bewusstsein der Machtfülle von kommunistischen Diktatoren tatsächlich tief gekratzt und damit ihren Niedergang beschleunigt hat. Aber nur beschleunigt, nicht besiegelt. Denn Diktatoren, das sei als kleine Überlegung zu Saddam Hussein angefügt, können zwar auch am äußeren Feind scheitern, aber wirklich zugrunde gehen sie erst am inneren Feind.

Was den europäischen Antiamerikanismus betrifft, so war er nie ausschließlich ein linkes Phänomen. Europa hatte gegenüber den USA immer einen Kulturdünkel.

In bürgerlichen Kreisen war es jedoch nur ein Dünkel und kein Hass. Man war froh, eine starke westliche Schutzmacht zu haben.

Mit dem Niedergang des Kommunismus seit 1989 verlor auch der Antiamerikanismus an Terrain. Die Zwangssolidarität mit der Schutzmacht USA begann obsolet zu werden. Die Europäer begannen freier zu sprechen. Ihnen, geehrter Herr Präsident, ist das in Ihrer damaligen Funktion als Gouverneur von Texas sicher nicht verborgen geblieben. Schließlich erhielten Sie von europäischen Parlamenten Protestbriefe gegen die von Ihnen ratifizierten Hinrichtungen. Das war nicht Antiamerikanismus, das war, erstmals seit 1945, der Ansatz eines freien Dialogs ohne strategische Hintergedanken.

Dabei war folgendes Phänomen zu beobachten: Je konkreter die Kritik an den USA war, desto nebuloser und ungreifbarer wurden die europäischen Ressentiments gegenüber den USA. Die alten Vorurteile und der alte europäische Kulturdünkel schienen sich langsam auszulösen. Mit den heute Fünfzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen wuchs sogar eine ausgesprochen amerikafreundliche Generation heran.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil es bei uns in Europa, nur ein Jahr nach der großen Solidaritätswelle mit den USA, einen neuen Antiamerikanismus gibt, was mich betrifft, mit dem Unterschied, dass ich heute darunter leide, während ich früher ein Teil davon war. Dass im Zuge der Vergeltungsschläge gegen den Terrorismus der Al Qa'ida ein neuer Antiamerikanismus hochkommen würde, war klar. Wesentlich mehr Sorge als eine ehemals linke Kritik, die auf die Ebene der Zahlenmystik herabgesunken ist, bereitet mir dabei die Beobachtung, dass der Antiamerikanismus neuerdings auch in gutbürgerlichen Kreisen die Oberhand gewinnt. Die Meinung, den USA gehe es in der Welt nicht um Recht und Freiheit, sondern um nichts als ihre nationalen Interessen, wird heute in konservativen Blättern verbreitet.

Das schmerzt mich, weil ich in den USA niemanden kenne, der so denkt. Kann es sein, sehr geehrter Herr Präsident, dass Sie so denken? Kann es sein, dass Sie die Ambition haben, den Nahostkonflikt militärisch zu lösen? Der Hass, den Sie dabei erzeugen werden, wird es den besiegten Ländern schwer machen, die Demokratie zu importieren. Osama und Saddam könnten zu Märtyrerfiguren der gesamten arabischen Welt werden. Die arabischen Politiker werden der Weltmacht USA Tribut zollen, aber das Volk wird Sie hassen - und das wünsche ich Ihnen persönlich nicht, und den USA am wenigsten. Sie würden einem notorischen Amerika-Freund einen großen Gefallen tun, wenn es Ihnen gelänge, Ihr Land vor dem Schaden zu bewahren, den Sie gerade dabei sind, ihm zuzufügen.

Herzlichst Ihr Josef Haslinger (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2002)

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