London: 160 Raubüberfälle täglich

11. September 2002, 13:43
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In den Sechzigerjahren trugen die Bobbies nicht einmal Schusswaffen - Nun gleicht die Mordrate jener von Johannesburg ...

London - Vier Jahrzehnte nachdem die legendär gewordenen Edgar-Wallace-Krimis im deutschsprachigen Raum ein unheimliches, nebeliges und von Dunkelmännern bevölkertes London zeichneten, ist die britische Hauptstadt tatsächlich auf diesem Status angekommen. In den Sechzigerjahren noch eine relativ sichere Stadt, in der die Bobbies nicht einmal Schusswaffen trugen, herrscht nun im größten Ballungsraum Europas eine Kriminalität mit bedrohlichen Ausmaßen.

Vor wenigen Tagen gab sogar der 57-jährige Bürgermeister Ken Livingstone zu: "Ich fühle mich hier nicht so sicher wie in New York." Jeden Tag werden auf Londons Straßen 160 Menschen ausgeraubt. Im Szeneviertel Camden Town, das jährlich 14 Millionen Touristen anzieht, ist die Mordrate inzwischen genauso hoch wie in Johannesburg oder Moskau.

Hackney- das gefährlichste Pflaster von London

Ende August suchten Touristen in Todesangst Deckung, als Killer aus einem Auto heraus das Feuer auf einen Mann eröffneten. Eine Straße in Hackney, dem gefährlichsten Pflaster von London, hat wegen zahlreicher tödlicher Schießereien den Beinamen "Mörder-Meile" bekommen.

Auch Prominente bleiben nicht verschont. Erst kürzlich wurden aus der Wohnung der Popsängerin Björk Aufnahmegeräte gestohlen, während sie nebenan schlief. Bei Madonna nahmen die Täter gleich noch den Wagen mit. Joan Collins klagt: "Ich fühle mich nicht einmal sicher, wenn ich die paar Hundert Meter von meiner Wohnung zum Friseur ums Eck gehe."

Liz Hurley rät zu Turnschuhen

Liz Hurley, die auf der Straße von einer Jugendbande überfallen wurde, rät anderen Frauen: "Grundsätzlich Turnschuhe tragen!" Dann könne man schnell wegrennen. Von den Politikern fordert das Model: "Wir brauchen dringend mehr Polizei auf den Straßen."

Die Metropolitan Police, besser bekannt als Scotland Yard, hat 27.000 Bobbies für die Sieben-Millionen-Stadt im Einsatz - 40.000 müssten es nach Meinung der Polizei-Gewerkschaft eigentlich sein. Bürgermeister Livingstone hofft, die Polizeistärke in den nächsten vier bis fünf Jahren auf 35.000 aufstocken zu können.

Der "Rote Ken" wünscht sich das London seiner Kindertage nach dem Krieg zurück, als Eltern ihre Kinder noch unbesorgt auf der Straße oder im Park spielen ließen. "Am beunruhigendsten finde ich, dass jetzt in mehr als der Hälfte aller Fälle, in denen die Polizei eine Sache vor Gericht bringen will, die Zeugen so viel Angst haben, dass sie die Aussage verweigern." (Christoph Driessen/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2002)

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