Überwinden durch Übertragung

10. September 2002, 19:18
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Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind "Borderline - Persönlichkeiten" - wie die Persönlichkeitsstörung zu therapieren ist

Wien - Nach neuesten Forschungen sind rund zehn Prozent der Bevölkerung "Borderline-Persönlichkeiten". Ein Teil erkrankt an schweren Persönlichkeitsstörungen, die in selbst schädigendes Verhalten bis hin zu Selbstverletzungen und Suizidversuchen gehen können. Durch neue Therapien lassen sich solche Störungen inzwischen weit besser behandeln, wie Otto Kernberg, Leiter des Personality Disorders Institutes am New Yorker Presbyterian Hospital, dieser Tage in einem Vortrag am Wiener AKH erläuterte.

So auch die "manualisierte übertragungsfokussierte Therapie der Borderline-Persönlichkeit" (TFP), die Kernberg entwickelt hat. In Österreich werden die Ergebnisse des gebürtigen Wieners, der 1939 vor den Nazis flüchten musste, bisher allerdings nur in geringem Maße berücksichtigt.

Dabei weisen schwere Borderline-Störungen, die mit heftigen und instabilen Gefühlen und impulsivem Verhalten einhergehen, eine hohe Suizidalrate von fünf bis sieben Prozent auf. Und, so Kernberg: "Normalerweise haben Borderline-Patienten in Therapien eine enorm hohe Drop-out-Rate von 50 Prozent." Bei Behandlungen wie TFP sinke dieser Wert allerdings auf 20 Prozent.

Wobei in der übertragungsfokusierten Therapie die Aufarbeitung der Kindheit zwar Thema ist, aber nicht im Mittelpunkt steht. Bearbeitet werden vor allem aktuelle Probleme, wie sie sich in der Beziehung zum Therapeuten abbilden und wiederholen. Anhand dessen, was der Patient auf seinen Therapeuten aus früheren Erfahrungen mit Eltern oder anderen Bezugspersonen überträgt, hilft der Therapeut, krankhafte Gefühle und Verhalten zu verstehen und zu überwinden.

Therapien im Vergleich

Derzeit laufe eine breit angelegte Studie, bei der auch andere Verfahren, wie die stützende Therapie und die dialektische Verhaltenstherapie, einbezogen werden, berichtete Kernberg: "Nicht um fahnenschwingend einzelne Theorien zu bestätigen. Da geht es um eine offene, ehrliche Untersuchung, um wissenschaftlich fundierte, vergleichende Ergebnisse zu erhalten."

Inzwischen wisse man übrigens auch, was einen guten TFP-Therapeuten ausmache: "Er muss schnell formulieren können, und seine Formulierungen müssen klar und in die Tiefe gehend sein. Das mag für einen traditionellen Therapeuten erschreckend wirken", weiß Kernberg. "Viele sind ja der Meinung, dass man für alles seine Zeit braucht. Aber wer bei derartigen Störungen nicht rasch reagieren kann, läuft Gefahr, sich - und den Patienten zu verlieren." (frei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 9. 2002)

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