"Was soll man sagen?"

11. September 2002, 21:22
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11.9.2002 - "9/11", ein Film des französischen Brüderpaars Jules und Gédéon Naudet beginnt im Juni 2001

Im August 2001 kam ein New Yorker Feuerwehrmann bei einem Einsatz ums Leben. Männer der Einsatztruppe "Engine 7, Ladder 1" betrachten ein Foto des Verunglückten. Einer schüttelt den Kopf, während das Bild die Runde macht. Ansonsten will sich keiner zum Tod des Kollegen äußern. "Was soll man sagen?" Abblende.

9/11, ein Film des französischen Brüderpaars Jules und Gédéon Naudet (Mittwochabend in ORF1 und ARD) beginnt im Juni 2001. Tony Benetatos, der zuletzt zur Mannschaft stieß, sollte "Hauptdarsteller" der Dokumentation über das New Yorker Fire Departement werden. Ihr roter Faden: Wie fügt sich der Neue in die Gemeinschaft ein, wie geht er mit unvorhersehbaren Situationen um, wie mit dem Risiko? Es kam anders.

Am Morgen des 11. September untersuchen "Ladder 1"-Männer im World Trade Center ein Gasleck. Kommandant Joe Pfeiffer antwortet auf einen Funkspruch, Sekunden später ist im Off das Dröhnen eines tief fliegenden Flugzeuges zu hören, die Kamera schwenkt gen Himmel und bannt das ins WTC krachende Flugzeug. "It's a big one", ruft Pfeifer in sein Walkie Talkie. Die Szene mit dem Einschlag geht später um die Welt. Jules Naudets Aufnahmen sind die einzigen vom ersten Crash.

In der Lobby angekommen, sind die Männer kurz darauf eingeschlossen. Weil andauernd Gegenstände - oder Menschen? - zu Boden fallen. Jedesmal, wenn ein Aufprall erfolgt, zucken die Feuerwehrleute zusammen. Das Geschehen nimmt seinen unerbittlichen Lauf und wie hypnotisiert halten Jules innen und Gédéon außerhalb des Gebäudes die Kamera darauf. Irgendwann beginnen sie wieder und wieder die Linsen vom Staub zu reinigen. Zu sehen ist nur wenig Blut, kaum Opfer, vielmehr der Versuch einer Erklärung:

Dass die New Yorker ihre Firefighters so lieben und wie Helden feiern, wird angesichts dieser Bilder nämlich verständlich. Die Männer gehen angesichts der nie da gewesenen Katastrophe mit großer Professionalität vor. Keine hitzigen Diskussionen, niemand gerät in Panik, sie besprechen ruhig die Lage, geben Anweisungen über ihr Funkgerät durch. Die gesamte Ladder-1-Mannschaft überlebte die Katastrophe, auch Tony, der Neue kam nach neun Stunden zurück. "Wo ist Jules? Kannst du mir sagen, wo er ist?", fragt Gédéon, der seinen Bruder noch vermisst. "Ja, er steht neben dir", lautet die Antwort. (prie/DER STANDARD, Printausgabe vom 11.9.2002)

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