Internet-Kaffeehaussterben

13. September 2002, 11:47
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Cyber-Kolonialismus versus Eigenständigkeit am Beispiel Afrikas

Der Bürgermeister von Timbuktu grinst in die Kamera. Es ist ein offizielles Pressefoto und zeigt das Oberhaupt beim Versenden einer E-Mail. Das rührende Dokument könnte fast als Karikatur, auch zum Ars-Thema "Unplugged" verstanden werden. Birama Diallo aus Mali stellte dies ans Ende seines Vortrages über das - auch von der Unesco unterstützte - Timbuktu Telecenter, das in seinen vier Bestandsjahren 180.000 Besucher verzeichnete. Wir schreiben Tag zwei des Symposions, an dem Afrika zwischen Cyber-Kolonialismus und Eigenständigkeit in prototypischen Modellen besprochen wurde.

Diallo erklärte freudig, dass man im Telecenter, das billig Trainer ausbilde, auch viele Frauen in die neue Technologie eingeführt habe. Und gab zugleich zu, dass dort bloß 17 Prozent aller Frauen in die Schule gingen, also lesen und schreiben lernten. Eine Marktfrau verkauft Gewürze via Internet, welch Fortschritt!

Ein Paradebeispiel eines "neuen Kolonialismus" demonstrierte Michel Mavros, technischer Leiter des ersten, 1996 gegründeten senegalesischen Internetcafés und Providers Metissacana. In den kurzen Jahren sei das Internet auch dort zum Massenmedium geworden. Durch das Monopol von France Télécom schrumpfte die Speicherkapazität seines Cafés - und damit stieg die Zahl der frustrierten Kunden. Im Vorjahr gab das Café mit Frontfrau Omou Sy auf. Mavros über die jetzige Situation in Senegal: "Der Profit geht zurück nach Frankreich, ganz wenig wird im Lande wieder investiert."

Auf der Stromverbrauchs-Weltkarte ist Afrika ein dunkler Fleck. Eckdaten über den 800-Millionen-Kontinent lieferte der Südafrikaner Michael Jensen, Technologieberater in rund 30 afrikanischen Ländern. Die Zahl von 0,4 Prozent Internetusern spräche Bände, obwohl dies ja auch noch gar nichts über die Qualität der Nutzung sage.

Wo bleibt die Kunst? Eine Frage, die immer brisanter wird auf diesem Festival. Sie bot einen mehr oder weniger geglückten "Schauplatz globaler Konflikte". Peter Fends materialintensive, in seiner Fülle zur Dekoration verkommende, an sich kluge Landkarteninstallation, die Einzugsgebiete von Flüssen zeigt, war bereits Aushängeschild einer ähnlichen (Globalisierungs-)Geschichte gewesen, im Einzugsgebiet von Inklusion: Exklusion, steirischer herbst 1996.

Unplugged kann auch Ausgeschlossenheit im Sinne von Zensur heißen. Über die Situation in Asien spricht heute, Mittwoch, der aus China gebürtige und seit 1990 in Paris lebende Kunsttheoretiker und Kurator Hou Hanru, in Wien durch die beachtliche Secession-Ausstellung Cities on the Move 1997 hervorgetreten. Er bestätigt im STANDARD-Gespräch diesen "hohen Grad an Überwachung bei Medien und Internet" in China.

Gleichzeitig entstünden, so Hou, viele alternative Orte, parallele Systeme, die unterschiedliche Wirtschaftsmodelle propagieren. Wer hat Zugang (access)? Die Antwort ist, so Hou, "die Piratenversion von allem, der einzige Weg für viele Länder". "Wir sind am Redefinieren, was der Mainstream der Gesellschaft ist", sagt Hou, und "diese neuen Verhältnisse schaffen auch für die Kunst neue Konfusionen." Zu diesem Thema gab es ein gutes, allerdings höchst unprofessionell schlapp präsentiertes Netz-Projekt, KOP - Kingdom of Piracy, das sich in der Electrolobby übte.

Viele freuten sich, so der Theoretiker: je gefinkelter und komplizierter die Technologie desto besser die Sache. "Die Kunst ist aber der genaue Gegensatz zu dieser präzisen Definition, und daran sollten wir arbeiten." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 9. 2002)

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