"Der Fötus gehört der gesamten Gesellschaft!"

14. September 2002, 12:06
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Rumänien: Ceausescus Wahn, über 30 Millionen Menschen herrschen zu können, ließ Schwangerschaften zur Staatsangelegenheit werden

Im Jahre 2000 hätte vollbracht sein sollen, was 1966 begann. "Jeder, der keine Kinder haben will, ist ein Deserteur, der die Gesetzmäßigkeit der nationalen Kontinuität zerstört." Und tatsächlich verdoppelten sich nach Ausgabe dieser Parole die Geburten schlagartig. Schlechte Nahrungsversorgung und unzureichende medizinische Betreuung ließ aber ebenso die Säuglingssterblichkeit auf 8,3 Prozent ansteigen.

Nicht nur Abtreibungen waren von nun an verboten, auch die Sexualerziehung und Verhütung wurden zur illegalen Causa. Bücher über die menschliche Sexualität und Reproduktion wurden zu Traktaten über Staatsgeheimnisse und nur als medizinische Schulbücher verwendet. Diese repressiven Regelungen und der daraus resultierende geringe Wissensstand führte dazu, dass schätzungsweise 60 Prozent aller Schwangerschaften in einem illegalen Abbruch resultierten.

Schwangerschaftstests verpflichtend

Frauen unter 45 mussten sich außerdem mindestens alle 3 Monate einem Schwangerschaftstest unterziehen, der oftmals von AgentInnen der Regierung (der sogenannten "Menstruations-Polizei") kontrolliert wurde.

Frauen über 40, die es noch nicht "geschafft" hatten, rumänische StaatbürgerInnen in die Welt zu setzen, mussten ab den 80ern intime Befragungen über ihr Sexualleben über sich ergehen lassen. Und sie mussten zusätzliche Steuern zahlen, auch wenn sie körperlich gar nicht in der Lage gewesen wären, Kinder zu bekommen.

Informationsstand noch immer sehr gering

Auswirkungen dieser Politik sind heute noch immer spürbar. Zwar haben 96 Prozent aller Frauen zumindest von einer Art der Verhütung gehört, vor allem vom Kondom (89 Prozent) und der Pille (79,1 Prozent), dennoch weist der Wissenstand zum Thema Verhütung große Lücken auf. Besonders krass ist der Unterschied zwischen dem Kennen einer Verhütungsmethode und dem Wissen über die Anwendung. Dieser Gap beträgt bei der Pille 29, bei Kondomen 25 und 20 Prozent beim Diaphragma. Umfragen zufolge wünschen sich 75 Prozent aller Frauen unter 25 Jahren mehr Informationen zu diesem Thema.

Dennoch nimmt der "Konsum" von Verhütungsmitteln, die vordergründig aus dem Ausland importiert werden müssen und ohne staatliche Unterstützung unglaublich teuer sind, ständig zu.

Schwangerschaftsabbruch bis heute heikles Thema

Die Aufhebung des Abtreibungs-Verbots wurde 1989 als eines der ersten Akte der neuen Regierung Rumäniens vollzogen. Die öffentliche Meinung ist dennoch stark emotional und scheinbar noch immer an die Erfahrungen der Ceausescu-Ära gebunden. 72 Prozent aller Frauen glauben, dass sie immer ein Recht dazu haben, selbst über ihren Körper und ihre Schwangerschaften zu entscheiden. Dieser Konsens zieht sich auch durch alle gesellschaftlichen Schichten und Geschlechter. Einzige Gegnerin scheint die orthodoxe Kirche zu sein, die seit Ende der 90er Anti-Abtreibungs- und Anti-Homosexuellen-Demos organisiert.

(e_mu)

  • Women's Reproductive Rights in Romania
A Shadow Report
vom "Center for Reproductive Law and Policy" (CRLP) und der "Romanian Society for Feminist Analysis" (Ana)
Juni 2000
zu bestellen unter:
AnA
Bd. Ferdinand 24
RO - 70313 Bucuresti S 2
oder per Email
    ana/crlp
    Women's Reproductive Rights in Romania

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    vom "Center for Reproductive Law and Policy" (CRLP) und der "Romanian Society for Feminist Analysis" (Ana)
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    AnA
    Bd. Ferdinand 24
    RO - 70313 Bucuresti S 2
    oder per Email
  • The Politics of Duplicity
Controlling Reproduction in Ceausescu's Romania
Hrg.: Gail Kligman, Joel Beinin
University of California Press, 1998
ISBN: 0520210751
    calif. press.
    The Politics of Duplicity

    Controlling Reproduction in Ceausescu's Romania
    Hrg.: Gail Kligman, Joel Beinin

    University of California Press, 1998
    ISBN: 0520210751

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