"An der Meinungsfreiheit darf nicht gerüttelt werden"

10. September 2002, 12:30
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Direktor de Hadeln verteidigt "Löwen"-Gewinner Mullan gegenüber "Verleumdungs"-Rufen des Vatikans

Rom - Der Direktor des Filmfestivals von Venedig, Moritz de Hadeln, verteidigt den mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Film "The Magdalena Sisters" des schottischen Regisseurs Peter Mullan vor der Kritik des Vatikans. "Ich respektiere alle Ansichten, doch an der Meinungsfreiheit darf nicht gerüttelt werden. Dieser Tage habe ich oft an das Museum der Inquisition in Andalusien gedacht. Bei allem Respekt für die Gläubigen, ich bin der Meinung, dass die Kirche das kritisiert, was bei ihr nicht funktioniert: Siehe die Pädophilie-Fälle in den USA", betonte de Hadeln in einem Interview mit der römischen Tageszeitung "La Repubblica" (10.9.).

Vatikan spricht von "Veleumdung"

Der Film, der die Qualen junger Mädchen in irischen Magdalene-Klöstern Anfang der 60er Jahre schildert, löste die Entrüstung des Vatikans aus. Wenn der Film auf "einige psychopathische Situationen" in Irland oder Schottland hätte hinweisen wollen, dann sei dies mit einer "so wütenden und rachsüchtigen Provokation" nicht gelungen, kommentierte die vatikanische Tageszeitung "L'Osservatore Romano" den Film. Laut "Radio Vatikan" sei der Film eine Verleumdung für die Kirche. Die Tatsache, dass Mullan in Venedig den Goldenen Löwen erhalten habe, beweise, dass in Italien teilweise immer noch Groll gegen die katholische Kirche verspürt werde.

de Hadeln: "Auch Priester und Klosterfrauen sind Menschen"

"Es ist nicht meine Aufgabe, in Irland eine Untersuchung einzuleiten, um die Wahrheit zu klären. Ich denke, dass sich der Regisseur informiert hat. Jedenfalls bin ich in einem Klosterfraueninternat in Florenz erzogen worden. Ich kann über die Hypokrisie und den Schindereien berichten, die jene Art von Erziehung gekennzeichnete. Auch in der Schweiz hat man entdeckt, dass in einigen Instituten Kinder von Kriegsverschollenen misshandelt wurden. Auch Priester und Klosterfrauen sind Menschen", sagte de Hadeln.

Mullan: "Ich bin kein Anti-Katholik

Auch Mullan verteidigte seinen Film vor den Attacken der Kirche. "Ich bin kein Anti-Katholik, doch die Kirche muss um Verzeihung bitten, für all das, was passiert ist", betonte der Regisseur. In einem offenen Brief an die Tageszeitung "Osservatore Romano" rief Mullan die Gläubigen auf, den Film zu sehen. "Die Kirche muss das Mitleid und den Respekt für die Schwächeren wiederfinden", schrieb er.

Mullan: "Ich würde ihn nicht ignorieren."

Auf die Frage, welche Reaktion der Film in Irland auslösen wird, antwortete der Regisseur: "Die Irländer haben sich geändert, sie haben die katholische Kirche satt. Heute zählt nur das Geld. Ich glaube, dass sich die Kirche über den Film spalten wird. Einige werden ihn verteufeln, andere werden ihn ignorieren. Ich würde ihn nicht ignorieren. Ich begreife nicht, warum man einen Skandal aufbauscht. Das hilft nur, die Neugierde für den Film zu wecken", so Mullan. (APA)

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