Grenzen der neuen Freiheit

10. September 2002, 11:58
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Die neue Abfertigungsregelung bringt allen Unkenrufen zum Trotz vor allem eines: mehr Flexibilität

Drei Millionen Arbeitnehmer sind betroffen, sie sollten sich nun bei den verschiedenen Organisationen wie Arbeiterkammer, ÖGB oder Wirtschaftskammer Informationen einholen. Auch Banken bieten auf ihren Homepages Kalkulatoren an. Der Arbeitnehmer muss sich beim Ausfüllen aber auf jeden Fall bewusst sein, wie lange er im Unternehmen noch verbleiben will.

Bei den allermeisten Berechnungen zeigt sich: Für die meisten lohnt eine Umstellung nicht, und wenn, dann auch nur dann, wenn eine Rendite von sechs Prozent am Kapitalmarkt zu erreichen ist.

Die LBG Wirtschaftstreuhand hat errechnet: Verdient ein Mitarbeiter X 1850 Euro pro Monat, rechnet man eine jährliche Rendite von 2,5 Prozent dazu plus eine Nettorendite von sechs Prozent, die die neu eingerichtete Mitarbeitervorsorgekasse erzielen sollte, dann erreicht Mitarbeiter X nach 38 Jahren das, was ihm die alte Regelung ein paar Jahre vorher bietet. Geht man aber von einer Nettorendite von vier Prozent aus, muss Mitarbeiter X nicht nur länger arbeiten, sondern bekommt statt 68.000 Euro nur noch rund 51.000 Euro.

Nur den darniederliegenden Kapitalmärkten die Schuld an der voraussichtlichen praktischen Undurchführbarkeit theoretischer Berechnungen zu geben ist nicht angebracht. Schließlich setzen andere Länder schon länger auf die zweite Säule der Pensionsvorsorge und dabei auf die Kräfte der Kapitalmarktveranlagung. Trotzdem: Für den Einzelnen bleibt die Qual der Wahl.

Was müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vereinbaren?

  • Im alten Abfertigungsmodell zu bleiben - das bedeutet: Es ändert sich nichts. Abfertigungsanspruch gibt es praktisch nur bei Kündigung oder einvernehmlichem Dienstaustritt. Wer kündigt, verliert das Recht auf eine Abfertigung.

  • Wer zum Teil umsteigt, nimmt seine alten Ansprüche mit, die eingefroren werden. Danach zahlt der Arbeitgeber laufend Beiträge in die Mitarbeitervorsorgekasse. Kündigt der Arbeitnehmer, gibt es keinen Anspruch auf Abfertigung für den alten Teil, den er aber als Rucksack mitnimmt.

  • Wechselt der Arbeitnehmer ganz ins neue System, macht der Arbeitgeber eine entsprechende Übertragszahlung an die Mitarbeitervorsorgekasse. Wer selbst kündigt, kann im Rucksack den gesamten Anspruch Abfertigung neu mitnehmen. Oder man bekommt den gesamten Anspruch ausbezahlt.

Worauf ist zu achten?

  • Auf die bisherige Dienstzeit und jene, die man in dem Unternehmen noch erwartet.

  • Man muss berücksichtigen, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Abfertigung ausgezahlt wird. Zudem müssen künftige Gehaltserhöhungen berücksichtigt werden. Für junge Arbeitnehmer ist es beispielsweise kaum abschätzbar, ob sie beim derzeitigen Arbeitgeber in Pension gehen. Für sie lohnt ein Umstieg ins neue System.

Vorteile des Umstieges

Jeder hat Anspruch auf Abfertigung, auch bei Selbstkündigung. Zudem wird die Abfertigung durch ein steuerfreies Ansparmodell unter voller Flexibilität veranlagt. Ein weiterer Pluspunkt: Das Kapital ist zu 100 Prozent garantiert. Wer sich die Abfertigung nach Erlangung des Rentenalters als monatliche Rente auszahlen lässt, genießt völlige Steuerfreiheit.

Zudem gilt eine Rentenoption bereits mit Vollendung des 40. Lebensjahres, was vor allem ein Vorteil für Langzeitarbeitslose über 40 ist bzw. die Gleitpension erleichtert. Dazu noch ein Vorteil, der in der ersten Pensionssäule traditionsgemäß nicht gelten kann: Die Abfertigungsansprüche sind auch vererbbar. Besonders günstig ist das System für so genannte Jobhopper, Saisonbeschäftigte und Lehrlinge, die meist weniger als drei Jahre beim selben Arbeitgeber bleiben. Für sie gibt es nun auch eine Abfertigung.

"Neue" Nachteile

Treue wird nicht belohnt. Arbeitnehmer, vor allem heute 20- bis 30-Jährige, die lange für einen Arbeitgeber arbeiten, müssen damit rechnen, mit der neuen Regelung weniger Geld zu bekommen als mit der alten. Die höchstmögliche Auszahlung erfolgt nach frühestens 35 Jahren, vorher nach 25 Jahren. Die Abfertigung wird nicht mehr auf den Letztbezug berechnet. Zudem sind besser Verdienende mit dynamischer Einkommensentwicklung benachteiligt.

Wer seine Altansprüche übertragen will, hat sich zumindest einen Teil der Ansprüche gesichert, auch wenn er selbst kündigt. Wer kündigen möchte, sollte diese dritte Möglichkeit ins Auge fassen. Die übertragenen Beträge werden wie in einem Investmentfonds unter Kapitalgarantie veranlagt. Diese Beträge werden auch von der etwaigen Insolvenz des Arbeitgebers nicht mehr beeinträchtigt. Im Falle des Todes des Arbeitnehmers verfällt der Abfertigungsanspruch "alt" in den meisten Fällen, bei Übertragung wird dieser dagegen vererbbar. (Esther Mitterstieler, DER STANDARD, Printausgabe 10.9.2002)

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