Das Labor als Festung

9. September 2002, 20:45
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Terrorabwehr: US-Forscher bangen um freien Datenfluss

Im Juli wurde Tomas Foral, 26-jähriger Doktorand der Mikrobiologie an der Uni Connecticut, als erster Wissenschafter wegen eines Verstoßes gegen das im Oktober verabschiedete Antiterrorpaket ("Patriot Act") angeklagt. Der Vorwurf: unrechtmäßiger Besitz eines gefährlichen Erregers. Strafrahmen: zehn Jahre Haft. Dabei hatte der Forscher nur einige Milzbrandproben aus einer kaputten Gefriertruhe in eine andere gerettet.

Ungestörte Forschung gibt es seit dem Anschlag auf das World Trade Center für alle jene nicht mehr, die wie Foral mit gefährlichen Substanzen hantieren. Sie erfahren, dass ihre Arbeit ein zweischneidiges Schwert ist, das sich gegen Terrorismus und in seinem Namen schwingen lässt. Deshalb will nun die US-Regierung Wissenschaft, besonders die Mikrobiologie, für die nationale Sicherheit einschränken.

Bestandsaufnahme

Vorerst ist eine Bestandsaufnahme angeordnet. Bis Dienstag müssen 190.000 Institute, Labors und Firmen angeben, ob sie in ihren Schränken und Kühlfächern einen von Dutzenden gefährlichen Keimen lagern.

Will ein Forscher künftig mit einer dieser Substanzen experimentieren, muss er dies beantragen. Studenten aus Ländern, die in den Augen der USA den Terrorismus unterstützen, sind von dieser Forschung ausgeschlossen.

Unter US-Forschern herrscht auch ohne diese Schikanen Nervosität, da sie seit vergangenem Herbst unter Generalverdacht stehen. Denn hinter dem versierten Mikrobiologen, der das Land mit Milzbrand-Briefen in Schrecken versetzte, vermuten Geheimdienstleute, wie berichtet, einen amerikanischen Forscher. Seither installieren Labors Videokameras, Alarmanlagen, elektronische Schlösser. Das Labor wird zur Festung.

Streit um Infofluss

Daran stoßen sich die Forscher nicht. Ein Streit tobt jedoch um den freien Informationsfluss, denn kundige Terroristen könnten die Daten womöglich nutzen. Neuen Zündstoff lieferte da kürzlich der Biologe Jeronimo Cello von der State University New York, als er in Science (297, S. 1016) beschrieb, wie sich das Virus für Kinderlähmung synthetisch herstellen lässt.

Ronald Atlas, Präsident der American Society for Microbiology, verteidigt die Publikation: "Für die Wissenschaft ist es immens wichtig, Ergebnisse so darzustellen, dass sie für andere überprüfbar sind."

Andere Forscher bitten inzwischen Journale darum, Studien unter Auslassung kritischer Details abzudrucken. Anstatt sich dem Papierkrieg mit den Behörden auszusetzen und Sicherheitsauflagen zu erfüllen, haben etliche US-Uni zudem eigenmächtig die Proben vieler Erreger zerstört. Den Veterinär Glenn Songer von der Uni Arizona empört das: "Das ist weit schlimmer als Bücherverbrennung. Denn während sich da noch ein paar Exemplare finden, verschwinden die Organismen für immer." (Hubertus Breuer aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2002)

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