Grassers letzte Klappe - Von Michael Moravec

11. September 2002, 19:56
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Hinter den Kulissen gibt es nur Baustellen

Finanzpolitik wie eine Filmstadt: eine wunderbare, funkelnde Kulisse - das Nulldefizit. Österreich macht keine Schulden mehr, Österreich hat Zukunft. Das verstehen auch die Leute an den Stammtischen. Leuchtreklamen mit Defizituhren, die bis null zählen. Ein Finanzminister, der wie ein fahrender Schausteller von Ort zu Ort reist und seine Finanzpolitik preist - mit ewig denselben Witzen an denselben Stellen.

Ein Blick hinter die Kulissen ist nicht geplant. Dort gibt es nur Baustellen. Dort wird die Fassade mit brüchigen Brettern und Balken aufrecht erhalten - mit allen Mitteln. Von vorne sieht man ja nicht, ob sich hinter den Kulissen die Balken biegen, oder ob da solide Fundamente und Mauern stehen. Letztere zu bauen ist somit unnötige Mühe - zumindest für das Auge.

Eine Diskussion, wo denn die Aufgaben des Staates beginnen und wo sie enden, wurde deswegen nie ernsthaft geführt. Abbau von Beamten: Das Geheimnis der Kulissenschieber heißt Ausgliedern. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dass dadurch beispielsweise eine nicht börsenfähige Telekom Austria mit tausenden überzähligen, aber ausgegliederten Beamten an die Börse geprügelt wurde, stört da kaum. Ärgerlich, dass halt der Kurs dann so in den Keller gerasselt ist.

Wäre Grasser der solide Finanzmanager, als der er sich vermutlich selbst sieht, hätte er nie den Job annehmen dürfen: Teure Geschenke wie den Kinderscheck auszuteilen, Steuerreformen anzusagen und dazu auch kein Defizit mehr zu machen - so etwas geht nur im Film. Aber diese Filmkulissen haben einen Nachteil: Sie halten Stürmen und Hochwasserkatastrophen kaum stand und brechen schnell ein. Sie sind halt nur fürs Auge gemacht. Das Ende der Kulissenstadt hat dem Finanzminister den Abschied vermutlich nicht ganz so schwer gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe 10.9.2002)

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