Japan: Populäre Hochkultur oder hochkultureller Pop

11. September 2002, 17:38
5 Postings

Mangas, Shojos, Asadoras - und ihr Zusammenhang mit dem japanischen Frauenbild

Hayao Miyazakis "Spirited Away" lockte so viele Japaner in die Kinos wie niemals ein Film zuvor. Der Gewinner des Goldenen Bären zeigt anschaulich die japanische Synthese von traditionellen Fabeln und moderner Aufbereitung. Beispiel eines schwindenden Gaps in der Dichotomie von Populär vs. Hochkultur der japanischen Gesellschaft des Mittelstandes? Die Ethnologin Christina Anna Baptist führt diesen spannenden Diskurs.

Januskultur von Tradition und Moderne in Japan?

Noch in den 30er Jahren loderte im historisch abgeschotteten Japan die Angst vor US-amerikanischem Kulturbarbarismus: Beinahe das Gegenteil darf heute konstatiert werden, wenn Toei Studio als Exportschlager am Zeichentricksektor in bestimmten Altersgruppen Warner Bros. ausknockt und Toho Studio’s Gojira von Roland Emmerich nach New York entführt wird. Mit einher schreitender Hyperintellektualisierung seit den 50er Jahren hat das Land indessen nichts von seiner Traditionsverwurzelung eingebüßt:

Dem Kulturanthropologen Richard Torrance zu Folge erfreut sich Japan auch heute noch an den Scharen von etwa 10 Millionen Haiku-Poeten. Ebenso wie die Theaterspielkunst Kabuki noch immer als anerkannte Unterhaltung für Alt und Jung gilt, knüpfen Filme wie Takeshi Kitano’s Dolls seidene Bande zur traditionellen Buraku-Puppenspielkunst auf der Biennale in Venedig und im eigenen Land. Tradition und Moderne verschmelzen in Japan nicht nur in den Kulturprodukten, sondern vielmehr zur Hybridität bei den Konsumenten – so bei der Rezeption der Manga-Comics ...

Mangas – als Äquivalent von Krone und Farkas

Mangas spiegeln bestens die breite Diversität der Abnehmer dieser von hinten nach vorne gelesenen Taschenbücher wider, die gemeinhin als popkulturelle Paradeware gelten. Mangas erklären demnach den schmalen Grat zwischen Hoch- und Popkultur. Tatsächlich haben sich hier einige Spuren und Motive im Abbildungsbrauch aus dem 6. Jahrhundert konserviert. Noch weniger als kulturelle Hobelspäne dürfen Mangas daher als quinkellierende (dünnstimmige) Nachahmer amerikanischer Ziseliercomic-kunst eingeordnet werden, sondern sollten hingegen als deren Vorreiter verstanden werden, sind sie doch schon seit den 20er Jahren örtliche Lektüre. Immense Paletten an Zielgruppenmangas lassen sich kollektivieren, und beinahe unlimitiert scheint auch deren Abnehmerzahl: Die beiden meistgekauften Magazine Japans sind Mangas, von pornographischen Hentais zu Sararimans mit prototypischen Familienvater Charakteren, von homosexuellen Buhlschaften (Osaki’s Zetsuai 1980 aut simile) bis zu Samuraihandlungen reichen deren Synopsen.

Shojo – das ewige Mädchen im Comic

Anders als in euroamerikanischen Kulturkreis, wo Comix seit jeher Burscheninteressen bedienten, erschließt sich das Bild in Japan: Seit den 70er Jahren hat sich in Japan bei Mangas der Trend hin zu Zeichnerinnen und einer gehobeneren Anzahl von Leserinnen etabliert, wobei sich als Gegenstück zu den spezifischen Männer-Rolemodels „Sarariman“ und „Shonen“ vorwiegend zwei Typen des Frauencomic entwickelten: "Careerwoman mangas" und Shojos. Wenngleich Mangas in Japan mitunter zur Umgehung lokaler Zensurgesetzgebung in Pornographisches abschlittern, kann Shojo exakt durch das Asexuelle definiert werden: Die Kulturwissenschafterin Susan Napier behandelte in Fallstudien eine Reihe von Comicheldinnen mit gewisser „Jungbrunnenautomatik“ – von Vampire Miyu bis Sailormoon – und fand Heldinnen in traditionellen japanischen Settings mit emanzipiertesten Agitationen überdies bar jeglicher sexueller Stigmatisierung. A potiori ermittelte auch sie eine Verquickung von Tradition und gegenwärtigem feministischem Stolz.

Morning Dramas – Asadora

Die sukzessive Beflügelung von japanischer Hoch- und Populärkultur wiederum im Frauenbild erfährt bei den Fernsehserien, den Asadoras, eine weitere stete Exergie: Allmorgendlich werden über die beinahe in jedem Haushalt vorhandenen Bildschirme Asadoras ausgestrahlt: 6 Monate steuern darin Laienschauspielerinnen durch Dialoge zwischen Tradition und modernem Alltag mit reger Zuseher-Interaktion auf ein Bewältigungsfinale einer Konfliktsituation zu. Bis weit über 50 % Marktanteil erreichen Asadoras als Kulmination von Bildungs-, Emanzipations- und Unterhaltungsfernsehen. Damit stellen sie noch ein Indiz für die Akklamation durch die Bevölkerung für die Benachbarung von „trashigem“ Pop und kultureller Pflege dar.

Der Brückenkopf Popkultur

Ein Nebeneinander dieser Komponenten bildet dabei möglicherweise den Nährboden für den interkulturellen Siegeszug zwischen Aufbruch und Rückbesinnung. Anhand wunderschöner Beispiele illustriert Christina Baptist diese Koaleszenzen in historischen wie kulturwissenschaftlichen Kontexten.

Die Arbeit im Volltext (Anmeldung erforderlich).

Die Autorin:

Christina Baptist, *1980, studiert im 9. Semester Publizistik und Ethnologie, Kultur- und Sozial- anthropologie mit den Forschungs- schwerpunkten: Popular Culture, Medien- und Genderforschung sowie Cultural Studies. Diplomarbeit in Arbeit.

Rezension von Oliver Gingrich
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.